„Liberalismus ist eine Realität – Anarchismus bleibt eine Ideologie für Engel“. Anmerkungen von Michael von Prollius zur kritischen Rezension von Stefan Blankertz zum Buch Mythos Anarchokapitalismus auf antibuerokratieteam.net.

Ich freue mich, dass Stefan Blankertz sich Zeit für eine Kritik unserer Streitschrift genommen hat. Ich schätze den Wahlberliner Wortmetz und habe stets seine Arbeiten beworben, darunter die Neuauflage des Libertären Manifests und Mit Marx gegen Marx. Besonders gelungen finde ich den Titel „Minimalinvasiv“.

Allerdings haben mich die Perspektiven über den Staat hinaus nicht überzeugt: für mich sind es Forderungen geblieben und Gedankenspiele, anregend durchaus, aber Konstrukte.

So geht es mir auch mit den nunmehr geäußerten Einwänden: spielerisch anregend, aber vor allem um den Kern herum geschlängelt.

Immerhin ist der Liberalismus zur Realität geworden; der Anarchokapitalismus hingegen schleppt eine Beweislast mit sich herum, die ihn unverändert darin hindert, die Hürde der Ideologie für Engel (und für Gauner) zu überspringen. Anarchokapitalismus ist keine theoretische und praktische Alternative – das zeigen die kritischen Einwände, die keine (neuen) Argumente für den Anarchokapitalismus liefern. Es gilt, was Henry Hazlitt in Is Politics insolulble? wie folgt formulierte:

Es ist schwer, nicht einige Sympathie für sie zu empfinden. Es ist wahrhaftig wohltuend, attraktive Bilder zu malen, wie eine ideal anarchistische Gesellschaft sein würde. Jedoch würden alle diese Träume mit nahezu sicherem Resultat zerschmettert werden. Wenn es keine etablierte Staatsführung geben würden, würde das Land durch Kriminelle und Gangster übernommen werden. Schlussendlich würde eine Gang ihre Rivalen unterdrücken oder ausradieren und diese Gang würde faktisch die neue Staatsführung werden. Sie würde systematisch Tribute von uns allen übrigen eintreiben, nur dass dies erst im Laufe der Zeit Steuern genannt werden würde. Kurzum, es ist unmöglich, eine friedliche Anarchie aufrechtzuerhalten, wenn nicht irgendeine Autorität konstituiert wird, die sie durchsetzt.

In unserem Buch gibt es zwei Untersuchungsperspektiven: die auf die Theorie und die auf die Praxis des Anarchokapitalismus. Zudem werden u.a. politikökonomische, historische, methodische und philosophische Argumentationen entwickelt; ich beschränke mich nachfolgend auf meine Zuständigkeit, die aus den namentlich gekennzeichneten Beiträgen des Bandes hervorgeht.

Stefan Blankertz wählt in seiner Kritik die tabellarische Übersicht als Ansatz. Dort sind die wesentlichen Positionen von Liberalismus und Anarchokapitalismus gegenübergestellt. Sein Vorgehen droht ein typisch deutsches Schicksal zu erleiden: Man schnappt sich eine Aussage, interpretiert sie so, wie es einem passt und kontrastiert die eigene Interpretation mit einer Kritik, die man schließlich dem Urheber vorhält. Nun, ganz so arg ist es nicht geraten, und ein gemeinsames Begriffsverständnis ist naturgemäß häufig eine Herausforderung, indes gehen die Gegenreden am Wesentlichen vorbei:

1. Die deontologische Moral des Anarchismus hängt mit dem Menschenbild des Anarchismus zusammen. Von Mises bis Hazlitt, von Dahrendorf und dem gesunden Menschenverstand bis zu Hobbes, Hume und Holcomb („The State is unnecessary, but inevitable“) lautet das Argument, die Anarchokapitalisten gehen von einem Menschen aus, den es nicht gibt, den es aber geben soll oder sogar muss, damit die friedliche Anarchie entstehen und bestehen kann. Mit Hazlitt ließe sich auch sagen, dass ein Menschenschlag bei den Anarchokapitalisten fehlt, der Typus des Kriminellen und Gangsters. Damit ist zugleich die Kritik am Non-Agressionsprinzip und der Auffassung, Sicherheit sei ein Gut wie jedes andere auch, erneuert, dem zentralen Axiom von Anarchokapitalisten.

2. Die Kritik am Recht, das es ohne Staat nicht geben kann, scheint zunächst einen Widerspruch aufzudecken, gehen wir doch selbst mit Hayek u.a. stets davon aus, dass Recht vorstaatlich ist und sich vom Gesetz unterscheidet. Wie kann es dann im Anarchokapitalismus kein Recht geben? Ganz einfach: Recht kann zwar entstehen, aber nicht durchgesetzt werden. Was bleibt dann vom Recht noch übrig? Ein unabgeschlossener Entstehungsprozess. Ein erster Schritt, dem kein zweiter folgt. Ohne Staat kann Recht nicht durchgesetzt werden, zumal es keine Trennung gibt in das, was Recht ist und das, was nicht als Recht gilt; es bleibt lediglich die Freiwilligkeit, das Bürgerliche Rechtsbuch anzuerkennen, weil es kein Bürgerliches Gesetzbuch gibt. Im Bereich des einen Sicherheitsunternehmens existiert das eine Recht, im Bereich des anderen ein anderes – ein gemeinsames Recht fehlt. Und wie soll es ohne gemeinsame Rechtssphäre eine öffentliche Sache geben? Wenn man sich nicht einmal darauf einigen kann, dass es notwendig ist, zu impfen, eine Armee aufzustellen, sich einem Gesetz zu unterwerfen, das Steuern und Abgaben für die Kanalisierung vorsieht, weil nur freiwillige und einstimmige Zustimmung zulässig ist.

3. Die Kritik an der Sezession richtet sich gegen die anarchistische Argumentation und Strategie einer Zersetzung und Atomisierung der Gesellschaft durch Abspaltung von alles und jedem, der abweichende Ansichten vertritt. Landsmannschaftliche Sezession ist, wie von Stefan Blankertz thematisiert, nicht der Punkt. Nicht der Punkt ist aber auch die lustige Volte, aus Mises per Sezessions-Zitat einen Anarchisten zu drechseln. Vielleicht lässt sich die Thematik filmisch erläutern. Charlie Anderson, gespielt von James Stewart, der sich auf seiner Farm am „Großen Fluss“ aus allem raushalten möchte, besonders aus dem Bürgerkrieg, hält ein großartiges Plädoyer über Eigentum und Selbstbestimmung. Seine Farm ist der familiäre Nukleus der Abspaltung, der Rückzug in die Gemeinschaft aus einer Gesellschaft – in strikter Verfolgung des Menschenrechts in Ruhe gelassen zu werden. Einsamer geht es nur als Mann in den Bergen in Gesellschaft von Tieren. Doch seine Söhne zieht es in den Krieg. Charlie Anderson scheitert tragisch und endet mit einer dezimierten Familie und einer misslungenen Sezession trotz bester Voraussetzungen.

Wirklich interessant wird es, sobald es ans Eingemachte geht, ums Konkrete, um historische Praxis, was indes leider kaum der Fall ist. Die Rede ist von Herrschaft und Gewalt sowie Sicherheit. Stefan Blankertz schreibt:

Man kann gut zeigen, dass die Kriege mit zunehmender Verstaatlichung und mit zunehmendem Anspruch der Zentralgewalt auf die Unterwerfung der Bevölkerung (zum Beispiel unter ein religiöses Bekenntnis) sich ausweiteten und die Gewalt brutaler wurde.

Da sind sie wieder, die Probleme des Anarchokapitalismus: Ein Blick in den Alten Orient genügt, um diese Diagnose als vollkommen unzutreffend zu beurteilen. Bereits vor der griechischen Antike wurde massenhafte gepfählt, geköpft, ganze Parteiungen wurden ausgelöscht, nur weil sie zur Gefahr für Herrscher werden konnten. Nicht der Staat ist das Problem, sondern die ungezügelte Herrschaft. Die Staatsphobie ist einerseits berechtigt – wer mit einem Fünkchen Freiheitsliebe wünscht sich schon einen Staat(sapparat)? – sie ist aber auch vollkommen fehlgeleitet. Das Problem ist die Herrschaft von Menschen über Menschen, die den Menschen nicht nutzt. Leider wird ein Herzstück des Buches ausgespart: Die Produktion von Sicherheit und das Entstehen von Staaten aus Gewaltmärkten.

Zu den anarchokapitalistischen Mythen gehört das gerne vorgebrachte Argument, es habe bisher nur gemischte Systeme aus Anarchie und Herrschaft gegeben, daraus könne keine Anarchie entstehen. Ich kann dieser Argumentation inzwischen etwas abgewinnen: Da es bisher kein herrschaftsfreies Zusammenleben von Menschen gegeben hat – und es auch nicht geben wird – ist der Anarchismus dazu verdammt, ein Mythos zu bleiben. Schade nur, dass stets die einfachste Antwort schuldig geblieben wird: Wie kann die Herrschaft von Menschen über Menschen abgeschafft werden? Das scheint mir die gleichsam sozialistische Achillesverse der Anarchisten zu sein. Den Staat durch Sicherheitsunternehmen ersetzen zu wollen, bleibt Etikettenschwindel.

Nun erscheint die Verbindung von „Roter Armee Fraktion“ und Anarchisten nicht mehr so abwegig. Landläufig gilt Anarchie als lebensgefährliche Unordnung mit großer Unsicherheit und ohne verlässlichen Schutz für den Einzelnen. Die Warnung vor den Anarchisten, die Europa vor der Jahrhundertwende terrorisierten und von denen Luigi Lucheni die Kaiserin Sissi mit einer Feile erstach, sind Legion. Das Hobbe’sche Argument, die Menschen müssten vor den wölfischen Übergriffen ihrer Mitmenschen geschützt werden, ist der Klassiker. Die radikale Umwälzung der Verhältnisse – gewaltsam – ist ein wesentlicher Teil der Entstehungsgeschichte des Anarchismus. Aus gutem Grund fürchten Menschen Anarchie.

Anarchismus ist eine politische Strömung des Extremismus. Extremismus bedeutet einerseits das Streben nach einer Aufhebung der freiheitlich demokratischen Grundordnung und andererseits eine gesellschaftspolitisch maximale Entfernung vom Mainstream und Verortung am äußersten Rand des politischen Spektrums. Das ist der Hintergrund meiner Sorge, warum ich Anarchismus – von mir bekannten Ausnahmen abgesehen – für gefährlich halte.

Anarchismus läuft in letzter Konsequenz auf Gewalt hinaus; diejenigen, die unbeabsichtigt, weil Gewalt ablehnend, für Anarchie eintreten, führen Verhältnisse wie in Somalia, Libyen, No go Areas oder von der Mafia kontrollierten Gebieten herbei. Anarchie schafft Gewalträume. Anarchie nutzt den Mächtigen. Anarchie lässt illegitime Staaten entstehen. Es gibt auch diejenigen, die Feudalismus anstreben und sich das vermeintlich schicke Mäntelchen des Anarchismus umwerfen. Mancher Anarchist stammt aus dem kollektivistischen Lager.

Aufgabe der Freiheitsfreunde ist es, dem Leviathan immer wieder Fesseln anzulegen, ihn immer wieder auf seine Kernaufgabe zurückzuführen, den Schutz von Leib, Leben und Eigentum der Bürger, die ihn dafür beauftragen. Aufgabe der Freiheitsfreunde ist es, den Leviathan an Recht und Ordnung zu binden. Zudem gilt es für Eigenständigkeit und Selbstverantwortung einzutreten – hier besteht eine Gemeinsamkeit zwischen Anarchokapitalisten und Liberalen: das unaufhörliche Aufklären und das Werben für ein selbstbestimmtes, mündiges, eigenverantwortliches Leben.

Ich freue mich darauf, einmal wieder ein persönliches Gespräch mit Stefan Blankertz zu führen. Dann werde ich ihm ein etwas verfremdetes Zitat vorlesen, von einem klugen Autor. Mal sehen, was er davon hält: Der Anarchokapitalismus…

… ließe sich bekämpfen, indem man auf die Wahrheit hinweise: Die ist eine Illusion, weil nicht Irrtum die Grundlage .. bildet, sondern Ideologie…

Stefan Blankertz müssen wir hier nicht mehr vorstellen. Michael von Prollius ist ist Gründer der liberalen Internetplattform Forum Ordnungspolitik, die er 2015 zum Forum Freie Gesellschaft weiterentwickelte.

Der Webmaster entschuldigt sich ausdrücklich bei beiden – und unserer werten Leserschaft – für die kleine illustrierende Collage . Der Teufel hat mir das gesagt 3:-)