jedenfalls wenn man glaubt, dass irgendetwas zu Deutschland gehören kann, das über triviale geografische Zuordnungen hinausgeht. Das gilt selbstverständlich, um gleich jeden in Deutschland so beliebten Glauben an die eigene Ausnahmestellung zu vermeiden, natürlich für jedes Land. Daraus folgt in der Argumentationswelt der Dummen unmittelbar, dass die Dummen zu Deutschland gehören. Ein eindeutiger Beleg dafür ist (neben vielen anderen) die Diskussion darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht.

Die Behauptung, der Islam gehöre zur Deutschland und selbstverständlich auch die Behauptung des Gegenteils, klingen zunächst einmal wie eine Aussage, die wahr oder falsch sein kann. Um sinnvoll darüber sprechen zu können, müsste es halbwegs nachvollziehbare Kriterien dafür geben, wann eine Religion zu einem Land gehört und wann nicht. Wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen in einem Land Anhänger dieser Religion sind? Wenn die Religionsgemeinschaft staatlich privilegiert ist? Wenn das Wertsystem der Religion mit dem Wertsystem der Mehrheit weitgehend übereinstimmt? Man weiß es nicht – und es ist nicht so wichtig.

Denn es geht denen, die sich am betreffenden Diskurs beteiligen, nicht um Tatsachenbehauptungen. Sie treffen normative Aussagen. Es geht ihnen darum, ob der Islam zu Deutschland gehören soll oder nicht. Das ändert zunächst nichts am Problem, dass sich dafür schwer Kriterien finden lassen, doch das könnte man noch als übliche Talkshow-Dummheit durchgehen lassen. Wer sich das anhört, ist selbst schuld.

Doch einen Schritt weiter wird die Dummheit langsam gefährlich. Denn schnell stellt sich die Frage nach den Konsequenzen aus der Aussage, dass der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Und tatsächlich geht den Streitenden auf beiden Seiten um Konsequenzen, genauer gesagt um staatliche Konsequenzen für Individuen.

Müssen Anhänger einer Religion, die nicht zu Deutschland gehört, vom Staat etwas befürchten? Gehören Sie dann nicht zu Deutschland? Und was heißt es, wenn sie nicht dazugehören? Sollen sie dann das Land verlassen? Oder ihre religiösen Überzeugungen ablegen, damit sie dazugehören? Diese Fragen betreffen übrigens auch mich selbst, denn ich bin zwar kein Moslem, gehöre aber mit absoluter Sicherheit nicht zu Deutschland.

Und was heißt es umgekehrt, wenn eine Religion zu Deutschland gehört? Gehören deren Anhänger dann zu Deutschland? Haben sie bestimmte Privilegien? Dürfen sie irgendwelche Dinge tun, die andere nicht tun dürfen.

Wenn man die Perspektive der individuellen Freiheit ernst nimmt, kann die Antwort nur sein: Nichts! Es heißt nichts für den Umgang mit dem einzelnen Moslem. Menschen dürfen nur danach bewertet werden, ob ihre Taten die Freiheit anderer verletzen, nicht danach, ob ihr Glaube, ihre Ideen, ihre Werte solche Taten rechtfertigen oder gar fordern. Ansonsten wird staatlicher Willkür Tür und Tor geöffnet. Weil beide Seiten der Debatte das entweder nicht verstehen oder aber direkt anstreben, ist ihre Dummheit gefährlich.

Die dumme Diskussion darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, darf übrigens nicht mit der sinnvollen Debatte darüber verwechselt werden, ob der Islam oder wesentliche Strömungen des Islam, gelesen als politische und individuelle Handlungsmaximen mit einer Ordnung der individuellen Freiheit und Toleranz vereinbar sind. Da habe ich sehr starke Zweifel. Die habe ich auch bei vielen anderen Religionen, vor allem aber vielen Formen des politischen Kollektivismus, wie etwa Nationalsozialismus und Kommunismus. Bei diesen beiden dürfte es übrigens ziemlich schwerfallen, zu behaupten, dass sie nicht zu Deutschland gehören, wenn man sie die unsägliche Debatte zu eigen macht. Die geistigen Väter gehörten jedenfalls, wenn man im Denkgebäude der Dummen bleibt, zu Deutschland. Doch noch einmal: Zur Freiheit gehört auch die Freiheit, an Religionen oder Ideologien zu glauben, die freiheitsfeindlich sind.

Zum Schluss zurück zum Ausgangspunkt: Weder die Dummheit noch die Klugheit gehören zu Deutschland. Auch die Dummen und die weniger Dummen gehören nicht zu Deutschland, wenn auch viele der zuerst genannten es glauben. Weder die Rechten noch die Linken, weder die Anhänger noch die Feinde des Islam, weder die Christen noch die Nichtchristen, vom Antichrist ganz zu schweigen, weder die Deutschen noch die Nichtdeutschen gehören zu Deutschland – ob sie wollen oder nicht. Das hindert sie leider nicht daran, eine Debatte zu führen, die für die Freiheit aller, die in Deutschland leben, unangenehme Konsequenzen haben könnte.