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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Der Takfir-Denkfehler

-Bel, 30.07.2016

Nach jedem islamistisch motivierten Attentat behaupten nicht nur Vertreter der Islamverbände, sondern auch andere Religionsvertreter und Beschwichtiger: Der Muslim, der das Attentat im Namen des Islams begangen hat, sei kein richtiger Muslim.

Dabei handelt es sich um den klassischen «Kein wahrer Schotte»-Denkfehler (No True Scotsman Fallacy):


Argument:«Kein Schotte gibt Zucker in seinen Haferbrei.»

Antwort:«Aber mein Onkel Angus ist Schotte, und er gibt Zucker in seinen Haferbrei.»

Widerlegung:«Ja, aber kein wahrer Schotte gibt Zucker in seinen Haferbrei.»

Es wird eine allgemeine Eigenschaft einer Gruppe definiert. Wenn dann ein Gegenbeispiel genannt wird, das die Eigenschaft nicht aufweist, dann wird das Beispiel ohne sinnvolle Begründung nachträglich aus der Gruppe ausgeschlossen, damit die ursprüngliche Aussage beibehalten werden kann. Damit wird vermieden, die Richtigkeit der ursprünglichen Aussage zu hinterfragen. Das Tor wird also mitten im Spiel verschoben.

Diese letztlich sinnfreie Argumentation wird gerne von Vertretern von Religionen und Ideologien verwendet – und zwar von allen Seiten des Spektrums. Es geht letztlich um die Definitionsmacht, wer zur Gruppe gehören darf und wer nicht.

Im Islam heisst dieser Prozess «Takfir» – das Denunzieren von rivalisierenden Muslimen als Apostaten oder Nicht-Muslime.

Takfirismus ist der Motor des modernen Dschihadismus. Diese Doktrin ermöglicht es den «wahren Muslimen» alle anderen mit einer rivalisierenden Interpretation des Islams als «nicht mehr Muslime» zu bezeichnen. Gemäss Sharia dürfen Muslime, die vom Glauben abfallen, getötet werden:

Diese Doktrin in Verbindung mit der islamischen Gesetzgebung ist für Dschihadisten «die Lizenz zum Töten» Ungläubiger.

Wenn nun «moderate Muslime» dieselbe Argumentation des Takfir anwenden, bekräftigen sie diese letztlich, statt sie zu widerlegen.

Was also wäre die Lösung? Es wäre klüger zu akzeptieren, dass fundamentalistische Islamisten Muslime sind und bleiben, dass aber viele Muslime und Nicht-Muslime ihre Version des Islam ablehnen.

Takfir mit Takfir zu bekämpfen verunmöglicht es, den Islam zu reformieren.

Und Takfir von moderaten Muslimen («Islamisten sind keine wahren Muslime») führt letztlich zu den äusserst beliebten Verschwörungstheorien, nach denen der Islamische Staat ein Plot sei von Zionisten/Israel/USA/CIA/Illuminati/Bilderbergern/Freimaurern (wähle Deinen Liebling).

Wenn also Bernard Bovigny, Sprecher der Schweizerischen Bischofskonferenz, uns belehren will, dass die Attentäter «keine echten Muslime» seien, dann ist er Teil des Problems und nicht der Lösung. Und das sollte man ihn und die Gleichdenker wissen lassen.

Dieser Text ist zum Teil eine Übersetzung und Zusammenfassung eines Artikels auf Sceptical Science*, den ich zur Lektüre empfehle.

-Bel arbeitet als freiberufliche Journalistin für diverse Zeitungen und Zeitschriften und lebt in Zürich.

(*von denen wir auch das schöne Foto geklaut haben)

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