Die Entstehung des Staates geht von Menschheitsbeginn an unauflösbar einher mit dem Aufbau von Bürokratie. Die Bürokratie ist heute die größte Bedrohung von Freiheit wie ich an anderer Stelle aufgezeigt habe. Der Samtpfotensozialismus, vor dem Roland Baader warnte, schleicht sich in Gestalt Anzüge und Kostüme tragender Beamte sowie öffentlicher Angestellter an. Sie sind die neuen etatistischen Funktionäre, die sich sicherlich nicht gern als Apparatschicks bezeichnen lassen. Und doch genießen sie ihre Privilegien auf Kosten der produktiven Menschen, die sie auch noch maßregeln. Bürokraten und Politiker handeln seit Jahren zunehmend im Bündnis mit Vertretern von Sonderinteressen, die in Nichtregierungsorganisationen tätig sind und die Regulierung und Lizensierung unseres Handelns im Namen den Guten betreiben.

Etwas Trost mag die Erkenntnis spenden, dass Freiheitsimpulse in der Geschichte auch von Staatsdienern ausgingen, darunter Stein, Hardenberg, Humboldt, im weiteren Sinne auch Eugen Richter und Ludwig Erhard. Zudem kam es zeitweise viel schlimmer als heute. Die brutalste Bürokratie wurde in Deutschland in den 1930er Jahren geformt; sie bildete eine Säule der Bespitzelung und Überwachung, der Menschenjagd und Menschenvernichtung im industriellen Ausmaß.

Doch zurück zum Anfang der Menschheitsgeschichte und damit auch zur Diskussion, die Stefan Blankertz und ich in „The Battle: Ankap vs. Libakap“ geführt haben. Es scheint eine konsequente, wenn nicht geradezu alternativlose Entwicklung in der Menschheitsgeschichte zu Bürokratie und Staat gegeben zu haben. Schluck!

Aufschlussreich sind in dieser Hinsicht zwei relativ aktuelle Publikationen von zwei sehr unterschiedlichen Wissenschaftlern. Der eine, Yuval Noah Harari, ist ein junger israelischer Wissenschaftler, der Globalgeschichte in Jerusalem lehrt und ein Buch über uns geschrieben hat: den Homo sapiens (Titel: Sapiens. A Brief History of Humankind). Der andere, Larry Siedentop, ist ein inzwischen über achtzigjähriger, amerikanischer Ideenhistoriker, der in England lehrte und in „Die Erfindung des Individuums“ die Geschichte der Herausbildung von Individuum und Freiheit gleichsam umschrieb. Die beiden Bücher haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Harari verfasste eine Durchsetzungs- und Konvergenzgeschichte des Sapiens. Siedentop kleidet ein politisches Traktat für eine westliche Wertbasis in eine Ideengeschichte. Wer genauer hinschaut entdeckt indes zeitlos interessante Ausführungen zur Bürokratie- und Staatsbildung.

  1. Nicht das Individuum, sondern die Familie steht am Anfang der Menschheit und der Entwicklung einer Gesellschaft aus vielen Gemeinschaften. Kurz: Die Sippe war alles, der Einzelne nichts.

Als sich die Menschen über die Erde ausbreiteten lebten sie in Wildbeutergemeinschaften. Auf sich allein gestellt konnte ein Mensch nicht überleben. In der Gruppe war ein rudimentär arbeitsteiliges Überleben, zumal durch Bündeln von Kräften, einfacher. Der Homo sapiens verdrängte durch seine Fähigkeiten, Großgruppen zu bilden und überlegen kommunizieren zu können, alle anderen Menschen von der Erde. Ob unsere Vorfahren gar einen globalen Genozid begangen, ist eine offene Forschungsfrage. Auf jeden Fall überlebten andere Menschen nicht und der Sapiens trug dazu maßgeblich bei.

  1. Als die Menschen sesshaft wurden (neolithische Revolution), prägten die religiös-kultisch bestimmten Regeln der Familie Sein und Handeln. Das Eigentum war Familieneigentum. Der Pater familias war zugleich Priester. Erst seit der Entstehung von Stadtstaaten in der klassischen Antike bildeten sich abstraktere Regeln und Institutionen heraus, die zu Privateigentum und Individualrechten führten. Erst mit der antiken Staatsbildung nahmen also das Individuum und das Privateigentum allmählich Gestalt an. Kurz: Der Abstieg der Familie bedeutete den Aufstieg des Individuums.
  2. Damit ist aus Freiheitssicht ein fast paradoxer Mechanismus erkennbar: Je stärker die Familie, umso schwächer der Staat – je schwächer der Staat, umso stärker die Familie. Bedeutet das heute auch noch: Je stärker die Familie, umso geringer die Freiheit des Einzelnen? Angesichts auch geistig etablierter, wenn auch prekärer Freiheits- und Eigentumsrechte wohl nicht. Die so anschaulich in Filmen wie „Das finstere Tal“ (besprochen von Remo Haufe in The Standards II) beschriebene Allmacht eines Einzelnen in einer Dorfgemeinschaft sollte uns indes zu denken geben.
  3. Zurück zum Übergang von Wildbeutergemeinschaften zu ortsansässigen Bauern. Bürokraten scheinen ein elementarer Bestandteil von Arbeitsteilung und Spezialisierung, von Effizienzsteigerungen und Zentralisierung gewesen zu sein. Der Gebrauch der Schrift erweist sich weniger aus unternehmerischen als vielmehr aus bürokratischen Koordinationsgründen als nützlich. Die ersten Schriftfunde der Menschheit sind offenbar Abgabenberechnungen. Kurz: Am Anfang war der Steuerstaat. Puh!
  4. Das Leben als Wildbeuter wird zuweilen romantisiert. Schlechter lebten die Wildbeuter nicht im Vergleich zu Bauern, die sich in die Abhängigkeit einer Pflanze begaben. Eine ausgewogenere Ernährung hatten die Jäger und Sammler vozuweisen. Ihre Freiheit war größer als die der Bauern, die sich zunehmender Zentralisierung und Hierarchisierung fügen mussten. Indes gibt es keinen Weg zu stetig verbesserter Medizin, komfortablen Wohnungen und Häusern geschweige denn iPads und iPods, der bei den Wildbeutern beginnt und die Bauern und Bürokraten überspringt. Wir profitieren von gesellschaftlicher Organisation. Ob das glücklich macht, erfordert individuelle Antworten.

Das Antibürokratieteam kann sich wie die Truppe von der traurigen Gestalt im Kampf gegen Windmühlenflügel fühlen: „First and last and always“ existiert die Bürokratie, wenn ich das Debütalbum der Sisters of Mercy zweckentfremdend zitieren darf. Allerdings gilt auch: „Champions find a way“; sie entdecken einen Riss in der Rüstung des Gegners. Und die hoffnungsvolle Botschaft lautet, dass die Bürokratie voller Risse ist. Relaunch Liberty!