Karola Tembrins, Anne R. Chérie revisited, herausgegeben von Stefan Blankertz, 258 Seiten, mit Bilddokumenten, 3 darunter farbig, [D] 17,80 €, ISBN 978-3-7431-5209-0.


¿Wer ist Anne R. Chérie? ¿Ein liberaler Fidel Castro? ¿Ein weiblicher Augusto Pinochet? Ein karibischer Donald Trump? ¡Eine Klasse für sich!

Anne R. Chérie – eine radikalliberale Utopie 3Anne R. Chérie (*1930 †1963) ist die –  fiktive – sagenumwobene karibische Revolutionärin, kantische
Neothomistin und katholische Anarchistin, die bis heute keine angemessene Aufmerksamkeit erfahren hat. Die vorliegende Chérie-Biographie dokumentiert Liebe, Politik, „Verbrechen“ und Kindheit einer der ungewöhnlichsten Frauen des 20. Jahrhunderts. Hier kommen die Akteure der Zeit zu Wort wie z.B. Chéries Inspirator, der (exkommunizierte) katholische Theologe Pablo Hombueno. Aber auch die Abenteuer von Chérie und ihre unglückliche Liebe zu der amerikanischen Prostituierten Lauren Jackson bekommen den ihren zukommenden Platz.

Das Buch, geschrieben 1984, das erste Mal erschien 1989, wurde 1991 deutlich erweitert und jetzt nach gründlicher Überarbeitung neu aufgelegt. Der Autor von heute, 2017, begegnete zu diesem Anlass dem Autor von damals, 1984. Von dieser Begegnung berichtet das folgende Interview.


Anne R. Chérie – eine radikalliberale Utopie 2SB-2017: Als ich den Text jetzt überarbeitet habe, war ich ganz schön überrascht, überrascht über deinen Einfallsreichtum.

SB-1984: Du bist ja ganz schön überheblich geworden. Ich bin schließlich kein Kind mehr, 28 und seit zwei Jahren bereits Vater.

SB-2017: Wem sagst du das … Wie bist du auf die Idee gekommen, die Utopie einer liberalen Revolution in einem lateinamerikanischen Staat zu schreiben, mit einer Frau als Che Guevara, sozusagen, und dann in dieser merkwürdigen Form einer fiktiven Dokumentation?

SB-1984: Che Guevara ist ein gutes Stichwort. Er war mein erster politischer Held, Ende der 1960er Jahre. Schnell kriegte ich Zweifel, weil ich Anfang der 1970er Jahre den Anarchismus entdeckte, die Idee, dass das Zusammenleben der Menschen ohne Gewalt, ohne Herrschaft, ohne Staat bedeutend lebenswerter sein würde als heute. Und mir dämmerte sehr schnell, dass Che Guevara leider für eine ganz andere Version stand, die Vision von Zentralismus, Erschießungskommandos, Planung über die Köpfe der Menschen hinweg. Aber natürlich blieb ich ein Linker und auch Guerillakampf behielt zunächst etwas Heiliges, allerdings nur, sofern er ganz weit weg stattfand, nicht vor der eigenen Haustür. Erst als ich Anfang der 1980er Jahre Murray Rothbard entdeckte, änderte sich das.

SB-2017: Über Nacht warst du kein Linker mehr?

SB-1984: Ganz so einfach lief das nicht ab. Es half ungemein, dass Murray sich mindestens genauso gegen die Rechte wandte, damals, die Rechte, die seine emotionale Heimat gewesen war, genauso wie die Linke meine. Für diese Position „jenseits von Rechts und Links“ brauchte es einen neuen Mythos, dachte ich, und ich war vermessen genug zu glauben, dass ich den schaffen konnte.

SB-2017: Eine Vermählung von Che Guevara und Augusto Pinochet?

Anne R. Chérie – eine radikalliberale Utopie 1SB-1984: Wenn du mir das damals gesagt hättest, hätte ich dir für diesen unverschämten Vergleich an die Gurgel gehen können.

SB-2017: Du wolltest also diesen Mythos schaffen in jenem symbolträchtigen Jahr 1984, dem Jahr der Dystopie schlechthin, und ihm eine positive Utopie entgegenstellen. Und das in Form einer fiktiven Dokumentation. Heute würde man Fake News, postfaktische Hate Speech und Lügenpresse schreien.

SB-1984: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand die Fiktion ernst nahm, obwohl es einige Reaktionen in der Richtung gab, wenn auch nicht viele.

SB-2017: Tatsächlich?

SB-1984: Ja, als das Buch schließlich 1989 erschien, vorher hatte ich es als Kopie an Freund verteilt, gab ich ein Exemplar meiner Mutter. Sie wiederum gab es an eine Bekannte weiter, deren Kinder in der Dominikanischen Republik Entwicklungshelfer waren. Und an sie wurde das Exemplar weitergereicht. Die Kinder schrieben der Mutter, es sei geradezu unglaublich, dass ein Verlag solch ein Buch offenbar ohne jede Prüfung herausgebracht habe. Die genannten Politiker gäbe es zum Teil gar nicht, sie hätten extra im Staatsarchiv nachgeschaut und fortgesetzt werde das Land auch noch mit dem falschen Namen bezeichnet. Die Bekannte war empört und gab den Brief meiner Mutter zu lesen. Meine Mutter war ebenfalls irritiert und zeigte mir wiederum den Brief und fragte, ob ich mir der Fehler bewusst gewesen sei und was sie nun antworten solle, sie stünde blamiert da.

SB-2017: Und was hast du geantwortet?

SB-1984: Ich war sprachlos und zuckte die Achseln. Das war so einer der Moment, in denen ich dachte, meine Mutter sei ein bisschen beschränkt.

SB-2017: Das kann ich nachempfinden. Auch heute noch wäre ich sprachlos, glaube ich. Und trotzdem: Warum diese Form der fiktiven Dokumentation?

SB-1984: Als Jugendlicher hatte ich einige literarische Versuche gemacht, Theaterstücke und Romane geschrieben. Mein Vater hatte das, wie alle meine wechselnden Interessen, als braver Pädagoge immer gefördert, allerdings nur, solange daraus nichts Ernsteres wurde. Denn ernsthafte und für mich angemessene Arbeit war in seinen Augen nur die wissenschaftliche. Außerdem hing er, obwohl ein führender gemäßigter Linker der damaligen Zeit und mit allen Weihen Adornos gesegnet – also in meinen Augen ein ganz und gar Rechter –, einer Genie-Theorie der Kunst an. Um Kunst und mithin auch Literatur von Wert zu produzieren, musst du ein Genie sein. Das war ich natürlich nicht, sondern dazu bestimmt, Wissenschaftler zu werden. Basta. So sahen es, wie ich jedenfalls meinte, auch andere wichtige informelle Lehrer von mir, allesamt Freunde von meinem Vater und sehr professoral eingestellt. Also griff ich zu einer List bei der Planung meines Mythos-Projekts. Ich griff auf die Rowohlt-Monografien zurück, die ich so gern zu Rate zog, wenn ich mir irgendeinen neuen Autor erschließen wollte …

SB-2017: … eine primitive Form von „Wikipedia“ sozusagen …

SB-1984: Was ist Wikipedia? Die Form erlaubte es mir, all diesen verbotenen Kitsch zu schreiben, dieses Positive, dieses Nicht-Kritische, diese Beobachtungen an Ländern und Leuten, die ich nicht bereist, die ich nicht getroffen hatte.

SB-2017: Ich habe viele Dinge nachrecherchiert und bin auch in der Hinsicht überrascht, dass du trotz des Fehlens von Internet und World Wide Web so viel rausbekommen hast.

SB-1984: Mein Vater pflegte Kant zu zitieren und meinte, durch das Lesen von möglichst vielen und verschiedenen Reisberichten würde man sich ein viel umfassenderes Bild eines Landes machen können, als es der einzelne Reisende selbst habe.

SB-2017: Schließlich hast du dann noch ein Pseudonym für dich benutzt.

SB-1984: Ja, die Entfremdung musste noch vollständiger sein, als es die Form der fiktiven Dokumentation erlaubte. Das Pseudonym ist eine Figur aus einem anderen literarischen Projekt, das viele Metamorphosen durchgemacht hat und nie aus dem Quark kam.

SB-2017: Ich erinnere mich, habe Teile schließlich in „Die Literatte“ (2011) verwandt.

SB-1984: Na, immerhin etwas. Und Anne R. Chérie musste natürlich eine Frau sein. In meinen Tagträumen hatte ich einen Beschützer, einen Superman, der mir in den bedrohlichsten Situationen half, das war „Anarchie“ und ihre Helfer hießen die „Chaoten“. Ich habe lange daran gebastelt, bis ich den Namen Anne R. Chérie daraus gebastelt hatte. Der Kontrast zu Che Guevara musste total sein, also war mein Held eine Frau.

SB-2017: Andere Figuren aus dem Buch haben einen realeren Hintergrund. Namen wie Barbarojo und Hombueno sind relativ leicht zu entschlüsseln. Einige Zeit habe ich gebraucht, um wieder darauf zu kommen, wer die Nebenfigur Theo Wadorn ist, bis mir Theodor W. Adorno einfiel. Weil es nun die Form der Dokumentation hat, liegt der Schwerpunkt auf den Ideen und der politischen Geschichte.

SB-1984: Aber die Liebesgeschichte zwischen Anne R. Chérie und ihrer Freundin Lauren Jackson drängte sich dann doch immer weiter in den Vordergrund, war mir dann manchmal sogar wichtiger. Und nicht mit dem Buch zuende. Darum schrieb ich ein paar Jahre später, weil sie mit nicht aus dem Kopf ging, das Tagebuch der Lauren Jackson, eine Möglichkeit, dem täglichen Hickhack von Familie und Arbeit in der Werbeagentur jeweils für ein paar Minuten am Abend zu entkommen.

SB-2017: Ich habe die erste abgetippte Version auf einer alten Sicherungs-CD wiedergefunden, inzwischen gab es schon Mac und Desktop-Publishing; auch ein Cover-Entwurf fand sich in dem Ordner, der das Datum 1998 trägt.

SB-1984: Mag sein; aber geschrieben habe ich es 1991, auch in den Ur-Mac eingehackt, also muss das, was du gefunden hast, eine spätere Version sein.

SB-2017: Jedenfalls konnte ich guten Gebrauch davon machen. Danke für das Gespräch.

SB-1984: Danke, dass du etwas daraus gemacht hast.