Auf ihrem Bundesparteitag haben Die Grünen ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2017 verabschiedet. Darin fordern die Grünen, bis zum Jahr 2030 aus dem Kohlestrom auszusteigen und ab 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen. Ab 2030 soll der gesamte Strombedarf über erneuerbare Energien gedeckt werden. Man kann die Ziele bei den Grünen wohl nicht hoch genug hängen.

Jedenfalls scheint das Vertrauen der Grünen in uns Ingenieure und Techniker unbegrenzt zu sein. Man muss es sich nur wünschen und die Ingenieure werden es schon irgendwie richten.

Allerdings sind die Forderungen der Grünen nicht einfach durch den trivialen Ansatz “mehr Ökostrom” zu lösen. Es gibt so viele Fragen, die noch unbeantwortet sind, hier einige davon:

  • Was soll man machen, wenn man kein Stellplatz hat und das Auto auf der Straße abgestellt werden muss?
  • Wie kommt der Strom zu einem Auto in der Tiefgarage?
  • Wer verlegt die Kabel und wer installiert die Ladestationen (und wer bezahlt das alles)?
  • Was machen Mieter, wenn der Eigentümer keine Ladestationen installieren will?
  • Sind die Ladestationen der verschiedenen PKW-Hersteller überhaupt kompatibel?
  • Muss ein Starkstromanschluss für schnelle Ladestationen installiert werden?
  • Hat der Hausanschluss überhaupt ausreichend Kapazität für eine oder mehrere Ladestationen?
  • Hat die Unterverteilung des Versorgers noch ausreichend Kapazität (in der Straße, in dem Stadtteil)?
  • Haben die Kraftwerke der Stromversorger überhaupt noch ausreichend Kapazität?

Vor allem die letzte Frage ist heikel. Man stelle sich vor, die Deutschen kommen nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause und schließen ihr PKW an eine Ladestation an, die je nachdem zwischen 3,6 kW (Standard Schuko) und 22 bis 43 kW (Drehstromanschluss) ziehen. Das will man eigentlich überhaupt nicht berechnen. Was man allerdings einigermaßen gut abschätzen kann, ist der noch nicht gedeckte Nettostrombedarf der entsteht, wenn man bis 2030 aus dem Kohlestrom aussteigen und gleichzeitig ab 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr zulassen will.

Der Kohlestrom deckt ca. 40% des Nettostrombedarfs in Deutschland (ca. 245 Mrd. kWh). Um den Energiebedarf der Elektromobile abzuschätzen, musste ein Modell erstellt werden. Angenommen, ab 2030 werden keine Verbrennungsmotoren mehr zugelassen und die Deutschen tauschen ihre PKW mit der gleichen Rate wie zurzeit, nach einem anfänglich schwachen Start für die E-Mobile, weil viele ihre Verbrenner so lange wie möglich fahren, dann wird es ca. 30-35 Jahre dauern, bis keine Verbrenner mehr auf den Straßen unterwegs sind. In der gleichen Rate, wie die Zulassungen der Elektromobile steigt, wird auch der Nettostrombedarf steigen.

Grüne Wahlversprechen 1

Die Modellrechnung ergibt, dass bei gleichen Zulassungszahlen, der Nettostrombedarf durch E-Mobile ihre Spitze bei ca. 200 Mrd. kWh erreichen wird. Die Nettostromerzeugung in Deutschland liegt zurzeit bei 600 Mrd. kWh. Durch den Ausstieg aus dem Kohlestrom und den Einstieg in die Elektromobilität müsste in den nächsten Jahrzehnten 40% der Nettostromerzeugung ersetzt und darüber hinaus 35% neue Kapazität hinzugefügt werden. Das alles soll nach dem Wunsch der Grünen durch erneuerbare Energien ermöglicht werden.

Das Gottvertrauen der Grünen in uns Ingenieure in allen Ehren, aber das sind unrealistische Ziele, es sei denn, man will dem Individualverkehr an den Kragen. Wünschen sich die Grünen nach einer Decarbonisierung der Industrie eine Demobilisierung der Gesellschaft? Oder ist das, wie so Vieles bei der parteigewordenen Bildungskrise, einfach nur nicht bis zum Ende durchdacht?