»Karl Marx, ein Freund des Kapitalismus« – der Titel ist vermutlich eine Provokation sowohl für die Libertären, die sich gemeinhin als Feinde des Marxismus verstehen, als auch für die gewöhnlichen Marxisten, die davon ausgehen, dass ihr Marx ein Herold des Antikapitalismus sei. Sobald der Begriff »Kapitalismus« fällt, beginnt ein Wortgeheul, in dessen Verlauf zahllose Beispiele der weltweiten Untaten von Staaten, staatlichen Institutionen, staatlichen oder staatlich subventionierten und privilegierten Unternehmen als Beweis für die Übel des Kapitalismus ins Feld geführt werden. Bei der Umsetzung von Antikapitalismus geht es dann regelmäßig darum, die türkischen Gemüsehändler per vorgehaltener Maschinenpistole zu zwingen, Mindestlohn zu zahlen oder den kriminellen Sumpf des Netzwerks von Nachbarschaftshilfe brachzulegen. Mit dem Verbot von Bargeld bekämpft man nicht Rüstungskonzerne, die eh schon lange bargeldlos verkehren, sondern die Schwarzarbeit, die tausende von armen Familien ernährt. Antikapitalismus richtet sich stets und von Beginn an gegen die Armen, nicht gegen die Reichen. In der Ukraine hungern 1931 während des Holodomor nicht die Funktionäre, in Venezuela stehen 2017 nicht die Erben von Hugo Chavez Schlange für eine Rolle Klopapier. Meine Kennzeichnung von Marx als »einen Freund des Kapitalismus« werde ich versuchen, nachvollziehbar zu machen durch eine autobiografische Herangehensweise: Wie bin ich zu dieser ungewöhnlichen und sicherlich provokanten Kennzeichnung gelangt?
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In wieweit nun lässt Karl Marx sich als »Freund des Kapitalismus« bezeichnen? Sicherlich ist es nicht die Bezeichnung, die Marx für sich selber gewählt hat. Doch er war Anarchist in dem Sinne, dass er es nicht für möglich hielt, den Staat in den Dienst der Unterdrückten zu stellen statt in den Dienst der Herrschenden. Und er war Kapitalist in dem Sinne, dass er für ein Wirtschaften auf der Grundlage der freiwilligen Kooperation (anstatt der staatlichen Planung) eintrat. Der entscheidende Beitrag aber, den Marx zur Theorie des Anarchokapitalismus leistet, ist die Analyse der ökonomischen Interessen der herrschenden Klassen, die sich im Staat Ausdruck verschaffen: Die Interessen all jener Klassen, die zusammen die herrschenden Klassen bilden, kämpfen um Einfluss auf die Politik mit dem Ziel, die Wirtschaft in ihrem Sinne zu deformieren. Das heißt, die nachteiligen Folgen der Staatstätigkeit und das Anwachsen des Staats folgt weder einem »Irrtum« der Regierenden noch »bösen« Absichten einzelner Politiker, sondern eben herrschende ökonomischen Interessen. In stark differenzierten politischen Umfeldern mit hoher Konkurrenz einer Vielzahl von Nutznießern der Staatstätigkeit ist die Analyse jener Interessen und dieser Nutznießer mitunter eine heikle Angelegenheit. Eine solche Analyse ist Aufgabe der anarchokapitalistischen marxistischen Kritik, die als Theorie unmittelbar praktisch wird, indem sie dabei hilft, den ideologischen Schleier zu lüften, der über der angeblichen Wohltätigkeit des Staats liegt.

Aus den Akten »Ludwig von Mises ist Karl Marx näher, als Mises bewusst war und Marxisten lieb ist«. Laurence S. Moss, Schüler und Mitarbeiter von Mises, erinnert sich an eine typische Sequenz in den Seminaren seines Lehrers:

Mises schlägt eine Zeitung auf, wählt ein sogenanntes aktuelles ökonomisches Problem und widmet die Stunde dann der langsamen und sorgsamen Erklärung, warum es nur ein verkapptes Pseudoproblem sei. Mises erklärt, dass das angebliche Problem entweder darin besteht, dass jemandem die freiwillige Wahl von anderen missfällt (und damit ein nichtökonomisches Problem darstellt), oder dass es sich um ein Ungleichgewicht handelt, das aufgrund voraufgegangener Eingriffe des Staats in den Markt entstanden ist.

Dies ist ein gutes Beispiel für dialektische materialistische, marxistische Ideologiekritik. Zum Schluss mein Lieblingszitat. Es stammt aus dem Jahr 1844, also jener frühen Phase von Marx’ Denken, die aufs Ganze gesehen noch im Banne Hegels eigentlich recht etatistisch war. Doch es findet sich dort dieses Juwel:

Je mächtiger der Staat, je politischer daher ein Land, um so weniger ist es geneigt, im Prinzip des Staates […] den Grund der sozialen Gebrechen zu suchen und ihr allgemeines Prinzip zu begreifen. Der politische Verstand ist eben politischer Verstand, weil er innerhalb der Schranken der Politik denkt. Je geschärfter, je lebendiger, desto unfähiger ist er zur Auffassung sozialer Gebrechen.

Aus einem Vortrag 2017 an der Universität Konstanz auf Einladung des dortigen Hayek-Clubs.

Hier zum ganzen Text des Vortrags als e-paper (PDF).