Die libertäre Bewegung im Internet hat sich in 2 Lager gespalten.

Lager 1: Die Neu-Rechten Etatisten. Sie haben eine gewisse Zeit lang mit der Vision, Utopie, Möglichkeit und Unmöglichkeit, der befruchtenden Idee von Freiheit geliebäugelt, bis sie gemerkt haben, dass Diktatur, Totalitarismus und menschenfeindliche Unterdrückungssysteme viel interessanter für sie sind, so lange sie eine reale Chance sehen, zu den Hütern der neuen Herrscherideologie zu werden.

Dass sie einmal den Staat an sich abgelehnt, für freie Märkte, gegen staatlichen Absolutismus, Totalitarismus, geschweige denn irgendeine Form von Diktatur und Tyrannei sich geäußert haben, scheint vergessen, will verdrängt werden. Sie leben in einer Welt, in der sie von Morgens bis Abends, von Montag bis Sonntag, dauerberieselt werden von medialen mehr oder weniger gefakeden, verzerrten, verfälschten, emotionalisierten Nachrichten. Sie können kaum abschalten, finden weder Zeit, noch nehmen sie sich Zeit um zu reflektieren und zu verarbeiten.

Angst ist es, die sie treibt. Angst vor dem Verlust ihrer Freiheit, den sie absurderweise beschleunigen, indem sie die Freiheiten anderer beseitigt sehen wollen. Und wie jeder aufgeklärte Mensch wissen sollte, sind die Freiheiten des anderen auch stets die Freiheiten, die man selbst in Anspruch nehmen kann oder eben nicht mehr.

Die ideologische Verengung, sich zwischen politisierten Polen zu entscheiden, wird als Zwangs und Naturphänomen empfunden, dass nicht in Frage gestellt, geschweige denn hinterfragt wird. Islam ist per se schlecht, Moslems sind alle Terroristen, das Abendland ist die beste Ideologie und jeder sollte ein Kreuz tragen, heterosexuell sein und eine Familie gründen. Wer aus Gründen der Individualität vom Konformismus abdriftet, gilt als Verräter des Vaterlandes, als Linker, als Terrorist, als Ketzer, der es wagt den allgemein verbindlichen und verpflichteten Kollektivismus des neuen, künftigen, gesellschaftlichen Gleichschrittes in Frage zu stellen. Identität ist schließlich nichts für Individuen, sondern die Neu-Rechte Beamtenschaft entscheidet im Gefolge ihrer Hofnarren und Hofberichterstatter darüber, welcher Mensch welcher Identität angehört und wer nicht.

Aus der jahrzehnte, pardon – jahrhundertelangen Erfahrung mit dem Etatismus und aufgrund der Möglichkeit, die Überlieferungen seiner Schrecken, heutzutage in literarischer Form nachvollziehen zu können, resultierte leider immer noch nicht die Einsicht, dass das staatliche Gewaltmonopol an sich Probleme schafft, die direkt mit seinen Strukturen aus Macht und Gewalt in Verbindung stehen. Stattdessen erwacht der unbelehrbare Geist als Mentalität der Mitläufer stets dann, wenn der kleine Spalt einer Möglichkeit offenbar wird, das eigene Interesse über die staatliche Ausrichtung, in die Institutionen zu tragen, um sie in tragischer Folge, den Menschen aufzwingen zu können.

Noch vor ein paar Jahren haben all jene, die sich zu Neu-Rechten entwickelt haben, mit den gleichen Argumenten, die man heute ihnen gegenüber anbringen kann, soll, darf und muss, vor dem Staat gewarnt, der fest in der Hand linker Geistesströmungen zu liegen schien. Nun möchten sie gerne deren Platz einnehmen und alle fundamentale Kritik am Staat die einst vorgetragen wurde scheint Schnee von Gestern zu sein.

Die Tragik daran ist, dass man miterleben muss, was man nicht zu glauben wagte. Dass es doch tatsächlich passieren kann, dass Menschen, denen man unterstellen durfte, als aufgeklärt zu gelten, sich rückentwickelt haben in einen Zustand der Verklärung, in dem es auf die Unterscheidung von Wahrheit und Falschheit nicht mehr ankommt. Populismus gilt als trendy, man möchte zeigen wie gut man darin ist, keine logisch-konsistenten-wohl durchdachten-analytischen Äußerungen von sich zu geben. Je unreifer, unsinniger, stumpfer, oberflächlicher, widersprüchlicher, zynischer, heuchlerischer, eskalierender sich artikuliert wird, desto höher scheint der interne Aufstieg in einer sinnbildlich gesprochenen Scorerliste. Die Intelligenten und Nachdenklichen scheiden aus, die Hetzenden steigen auf.

In diesem geistigen Umfeld, wo sich der Geist zurückbildet auf ein Niveau der reflexartigen Wutreaktion, die einem Hundegebell gleich, bei Überschreiten einer unsichtbaren Grenze ertönt, gilt es, der lauteste, rüdeste, unzivilisierteste zu sein. Der verbale Bürgerkrieg tobt sich aus und beinah denkt man sich, wohin das führen würde, wenn der liberale Gedanke eines freien Waffenbesitzes inmitten einer solchen Stimmungslage Kraft seines Rechts zur Umsetzung gelänge.

Ich bin extrem enttäuscht von Menschen, die aus einem Umfeld des Libertarismus gekommen sind, um sich als Neu-Rechte wiedergeboren zu sehen. Wären diese Menschen zuvor noch nie mit libertärem Gedankengut in Berührung gekommen, wäre es etwas anderes. Doch wenn man mit den Ideen der Freiheit in Berührung gekommen ist, behauptet hat, infiziert zu sein, so ist die Enttäuschung riesengroß über diese Menschen, die jene Impfung abzulegen scheinen wie einen Mantel, der nicht zur Jahreszeit passt.

Gegenwärtig diffamieren sie alles was links riecht. Und nach links riecht alles, was nicht rechts ist. Wer Gemeinsamkeiten zur den Linken feststellen sollte, darf Trübsal blasen. Man kennt es von dort. Alles was nicht nach rechts riecht, wird dort diffamiert. Die Wahrheit liegt in der liberalen Mitte. Man kann es als eine Form des Anti-Intellektualismus bezeichnen, auf den manch einer stolz ist. Stolz aber, sollte man nur auf seine eigene Leistung sein. Im Anti-Intellektualismus hingegen erkenne ich keine solche. Diese Haltung verhindert das notwendigste um Fortschritt zu erzielen. Geistige Auseinandersetzung-Selbstreflexion-offener Diskurs-Richtschnur an analytischen Aussagen-Aufklärung.

Aus der Beobachtung linker Etatisten galt es zu analysieren und zu lernen, dass Staat nicht die Lösung sondern das Problem ist. Staatliche Eingriffe verursachen Probleme während sie vorgeben, Lösungen zu erzeugen. Die Neu-Rechten, ehemals Libertären haben sich diese Analyse nicht zu eigen gemacht. Viel mehr haben sie sich den Alarmismus, das kassandrahafte Posaunen des Werte-Kultur- und Gesellschaftsunterganges (analog zur Klimahysterie), den Kulturpessimismus über offene Gesellschaften und individuelle Freiheiten und die damit verknüpfte anti-westliche Propaganda abgeschaut. Sie haben sich aus der Kultur des Kapitalismus, der ganzheitlichen Philosophie des Liberalismus und damit der Eigenheiten dessen, was idealisiert als „Westen“ bezeichnet worden ist, entfernt um in einem Plural an nationalistischen, völkischen Ideen aufzugehen, in denen das Heil des Individuums nicht mehr in seiner Freiheit sondern in seiner untertänigen Beziehung zum Staat liegen soll.

Achja, und dann gibt es noch ein Lager 2. All jene, die weiterhin standhaft wie ein Fels in der Brandung, mit großer Empathie für das Wesen Mensch und seine Belange an die Freiheit des Individuums, Eigentumsrechte, freie Märkte, liberale Werte, an den Frieden und die Möglichkeit einer Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse nicht nur glauben, sondern überzeugt sind, dadurch die beste aller möglichen Welten sich entwickeln zu lassen – frei von staatlicher Repression, gleichgültig ob im Namen der Linken oder der Rechten. Diese Position ist die einzig, wahrhaft anti-ideologische, nicht-politisierte, friedensfördernde, wohlstandsmaximierendste, freiheitvoranbringendste Gesinnung aller Denkbarkeiten.

Dass dies kein plumper Populismus sein kann, versteht jeder, der aufgrund der Analyse linker und rechter Staaten erkennt, wieviele Menschen ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Hoffnungen, ihre Sehnsüchte und ihr Glück darin schon seit jeher verloren haben und dass dies, in einem Staat, der die Kompetenzen abbaut um die Macht an jeden einzelnen Menschen rück zu übertragen, nicht möglich ist, denn so wenig Staat wie möglich impliziert, dass es keine Macht einer zentralen Stelle von Beamten gibt, essentiell auf das Leben eines Menschen einwirken zu können.

Um im Sinne von Friedrich August von Hayek zu sprechen: Diese Dezentralisation von Macht ist ein Bollwerk für die Unversehrtheit des Einzelnen und eine Voraussetzung für das Streben nach Glück.