Häufig ist von Seiten liberaler Demokratiebefürworter die ausgeschriebene Warnung vor dem Totalitarismus der Antidemokraten zu lesen. Ich kann mich dieser populistischen Phrase nicht anschließen.

Das Problem dieser Warnung besteht in ihrer Undifferenziertheit, dass Antidemokratie gleich Totalitarismus sei.

Zwei Beispiele um zu demonstrieren, dass Antidemokratie nicht automatisch totalitär bedeutet:

  1. Die Befürwortung eines antidemokratischen Staates nach völkischem oder kommunistischem Ideal ist totalitär.
  2. Die Befürwortung eines Anarchokapitalismus in dem demokratische Regeln lediglich bezogen auf Eigentumsrechte und Freiwilligkeit ausgeübt werden ist nicht totalitär.

Beide Modelle lehnen ihrerseits die gegenwärtige Form der Demokratie ab, stehen zueinander jedoch ebenso unvereinbar.

Es ist gewiss gut gemeint, wenn Menschen sich fürsorglich und intensiv für ein Gesellschaftsmodell aussprechen, dass in der Realität am ehesten durch die Fantasmen von wirklich totalitären Gesellschaftsansätzen bedroht wird. Aber es ist schlecht gemacht, wenn dabei mit keiner Silbe in Erwägung gezogen wird, dass es auch eine zugegeben kleine Minderheit von Anarchokapitalisten gibt, die qua ihrer Philosophie nicht im Verdacht stehen, trotz ihrer antidemokratischen Gesinnung auch die Menschenrechte zu beschneiden. Im Gegenteil, um Rechte geht es den Anarchokapitalisten überhaupt erst. Und das grundlegendste Menschenrecht beginnt mit der Tatsache, dass ein jeder Mensch sich selbst gehört – Eigentümer seines Körpers ist. Herrschaft, die dadurch gekennzeichnet ist, mit Gewalt und dessen Androhung zu walten und zu schalten, selbst dann, wenn Regeln erdacht werden, die den Anschein von Legitimation erwecken, ist demzufolge Unrecht. Das gilt für eine Demokratie wie sie Heute existent ist genauso wie für jedes totalitär ersonnene Gesellschaftsmodell durch Menschen, die den Staat benutzen wollen, um anderen eine bestimmte Form des Lebens aufzuzwingen.

Der Begriff der Demokratie ist heutzutage komplett verzerrt. Einst war es eine Form die in sehr kleinen Körperschaftsgebieten, sogenannten Stadtstaaten angewendet wurde. Heutzutage gibt es mangels Föderalismus einen Demokratiebegriff der mit dem Zentralstaat gleichgesetzt wird. Die Gebietskörperschaften haben kaum Hoheitsrechte und sind austauschbar geworden. Die Attraktivität der demokratischen Form des Staates nimmt ab, weil diese Form zentralstaatlich angewendet wird. Sie ist das Instrument eines zunehmend illiberal sich entwickelnden Staates, dessen Gesetze dazu tendieren, die mit der Ursprungsidee der Demokratie zusammenfallende Machtbegrenzung durch eine liberale Ordnung des Föderalismus, auszuhebeln.

Möglicherweise könnte die Demokratie besser funktionieren als sie es gegenwärtig tut, wenn die Staaten föderaler werden und die Macht von den Hauptstädten der Nationen und Bundesländer übertragen würde auf immer kleinere und kleinere Gebietskörperschaften. Eventuell könnten Menschen sich mit der Demokratie dann mehr anfreunden als sie es gegenwärtig tun, weil die Strukturen, wenn sie in die Hauptstädte überführt werden, sich mehr und mehr von den Menschen entfernen. Dadurch kann es passieren, dass Menschen sich von der Idee der Teilnahme an der Gestaltung ihrer Umwelt entfremden, weil sie sehen und meinen, dass es ohnehin nichts bringt, wenn sie sich engagieren, weil sie ja ohnehin keine große Wirkung haben. Das muss umso mehr gelten, wenn die Demokratie zentralstaatlich anstatt föderal organisiert wird.

Als Anarchokapitalist weiss ich, dass die größtmögliche Dezentralisierung von Macht dann erfolgt ist, wenn jeder Mensch Herrscher über sich selbst und sein eigenes Leben ist. Die liberalen Demokratiebefürworter scheuen sich gerne, diesen letzten Zentimeter konsequent gehen zu wollen. Bis zur kleinsten politischen Einheit, der Autonomie eines Dorfes, gehen sie noch mit, doch den Sprung auf das Individuum wagen sie nicht. Das halte ich für einen willkürlichen Schnitt auf einem ansonsten konsistenten Weg. Nichts desto trotz gehen Anarchokapitalismus und liberale Demokratiebefürworter zumindest hinsichtlich der Tendenz dacord, dass die Macht vom Zentralstaat auf sukzessive kleinere Einheiten übertragen werden muss. Nichts ist schlimmer als eine Instanz, die ausgestattet ist mit aller Gewalt. Die zentralstaatlich organisierte Demokratie hat die Entwicklung forciert, dem Staat immer mehr Machtbefugnisse zuzugestehen. Die nicht gerade größten Aufklärer haben in Schulen, Universitäten, Medien und Politik das Volk beschult. Dass es dabei inhaltlich nicht einmal zu einer 4+ gereicht hat, sieht man an der Unfähigkeit, Probleme zu analysieren und an der Wurzel zu packen. Probleme werden geflickschustert, sodass sie anderswo wieder aufbrechen. Und es gibt einen Unwillen sich ändern zu wollen. Bestimmt hat schon so manch ein Ökonomie-Professor etwas von der österreichischen Schule der Nationalökonomie gehört. Doch gelehrt wird es kaum. Man hält es nicht für notwendig, möchte die eigenen liebgewonnenen Überzeugungen nicht mehr in Frage stellen, an die man die eigene Karriere aufgebaut und für deren richtige Abfrage man Studenten benotet und ihnen eine Karriere widerum ermöglicht hat oder auch nicht. Emotional ist da sehr vieles investiert worden. Doch man muss als Mensch auch bereit sein können, Grundsätzlichkeiten in Frage zu stellen und Gewohnheiten zu ändern. Leider ist das so.

Vermutlich hat die Philosophie des Anarchokapitalismus meine kritische Betrachtung der Demokratie geschärft. Sie ist nötig um bestehendes zu verbessern. Die Ablehnung jedweden totalitären Gesellschaftssystems hat die Philosophie des Anarchokapitalismus bis in´s unendliche anwachsen lassen und es steht außer Zweifel, dass die Philosophie, die darauf basiert, dass sich jeder Mensch selbst gehört, zwingend diejenige mit dem größtmöglichen Menschenrecht ist.

Doch wenn sich eine Form der Demokratie als Second Best Lösung anbieten will, die weniger schlecht als Heute, sich als Verteidiger von Freiheiten und Rechten betrachtet, so ist es dringlichst notwendig, die Macht umzuverteilen. Von oben nach unten, von wenigen auf viele, von groß auf klein. Macht muss breit verstreut sein, für jeden ein bisschen, sodass es sich gegenseitig reguliert. Hat nur einer allein alle Macht, reguliert ihn niemand mehr, wie man an Tyrannen sehen kann.

Ich glaube, Roland Baader war es (oder er hat seinerseits jemanden zitiert), der einst sagte:

Wenn der Staat viel Macht bekommt, wird die Frage „WER herrscht?“ tödlich enden.

Dem ist nichts hinzuzufügen.