Immer wieder lese ich, dass Menschen recht unzufrieden mit ihrer Arbeit sind. Entweder missfällt ihnen die Tätigkeit an sich, die sie zwecks fehlender Ausbildung sich gezwungen sehen auszuüben und/oder das Geld gereicht nicht, um davon ein auskömmliches Leben zu führen.

Auf liberalen Seiten und auch anderswo wird argumentiert, Arbeit müsse und brauche keine Freude zu bereiten. Wichtig sei es nur, dass der Staat weniger Kosten habe. Hierzu bedürfe es eines Drucks, der den Menschen sowohl abverlangt jedwede ihnen angebotene und zur Verfügung stehende Tätigkeit auch anzunehmen, als auch den eigenen Wohnsitz dafür zu wechseln, wenn die Möglichkeit einer Arbeitsstelle sich auftut.

Betrachte ich mir die Tätigkeiten offen ausgeschriebener Stellen für Menschen ohne Ausbildung, dann ist es nachvollziehbar, dass es beim Betrachten offenen Stellen zu einem Motivationsverlust kommt. Oftmals stehen die immer gleichen Hilfstätigkeiten zur Option. Küchengehilfen, Reinigungsdienste oder Hilfstätigkeiten auf dem Bau. Viel anderes kommt meist nicht.

Meine Vorstellung von einer freien Marktwirtschaft sagt mir, dass mein Bauchgefühl wohl eher Recht hat, wenn es in Frage stellt, ob es auch unter den Bedingungen eines freien Marktes ein derart beschränktes Angebot an Tätigkeiten geben würde.

Menschen sind Individuen und diese Individualität erschöpft sich nicht in einer Hand voll Tätigkeiten. Wären die Arbeitsmärkte dereguliert und die Menschen in ihren Tauschbeziehungen frei, könnte ein breiteres Angebot an Tätigkeiten, gerade auch für Menschen ohne Qualifikation entstehen. Gerade aufgrund der staatlichen Erzwingung von Ausbildungen und Qualifikationen, hat die Vielfalt an Tätigkeiten für Menschen, die weder das eine-noch das andere haben, erschreckend abgenommen und eine ehemalige Oase an vielfältigen Möglichkeiten trocken gelegt.

Ausbildung und Qualifikation zu entstaatlichen, würde dazu führen, falls den Menschen dieses wichtig ist, derlei auf dem Markt anbieten zu können – entgegen einem staatlichen Monopol – im freien Wettbewerb. Damit würde der menschlichen Entwicklung mehr Spielraum gegeben, da bei einem freien Arbeitsmarkt mit einem freien Markt für Ausbildung und Qualifikation, eine lebenslange Chance für Menschen bestünde, aus ihrem Leben etwas schöpferisches heraus zu holen, nämlich dann, wenn sie dazu bereit sind und nicht dann, wenn ein Staat sagt, dass man in einem bestimmten Alter dazu bereit sein müsse, weil ansonsten einem keine zweite Chance gegeben wird.

Die meisten Stellen werden ohne Ausschreibung besetzt und der ganze Bereich der Schwarzarbeit liegt im Dunkeln. Ebenso behaupte ich keineswegs, Menschen ohne Qualifikation würden in einem freien Markt Spitzenpositionen angeboten bekommen. Obgleich es derlei historische Beispiele durchaus gibt, insofern die entsprechende Erfahrung vorhanden ist. Der Creative Director, mit dem der anarchokapitalistische und libertäre Theoretiker und Autor Stefan Blankertz in seiner Zeit als Werbetexter zusammengearbeitet hat, hatte Realschulabschluss und ist später Chef seiner eigenen mittelständischen Werbeagentur mit rund 20 Angestellten geworden. Heute würde jemand mit Realschulabschluss nichteinmal mehr eine Lehre als Druckvorlagenhersteller (so hieß der Beruf damals) bekommen.

Um das Erlangen von Spitzenpositionen für Menschen ohne Qualifikation geht es dennoch nicht, aber umso freier eine Marktwirtschaft ist, desto eher ist es kein Märchen, sich vom Tellerwäscher zum Millionär hoch zu arbeiten. Umso weniger frei eine Marktwirtschaft ist, desto eher wird es aber ein Märchen bleiben.

Worauf ich hinaus will ist dies. Immer wieder lese ich auf liberalen (?!) Seiten, auf denen gefordert wird, der Staat müsse mehr Druck auf Arbeitslose ausüben, sodass sie jedwede Tätigkeit annehmen und auch sich gezwungen sehen, quer durch das Land zu pendeln, wenn sie die Möglichkeit haben, eine Arbeit anzunehmen. Es wird gesagt, dass es nicht sein könne, dass ein jeder nur die Arbeit annimmt, die einem Freude mache.

Dieser letzte ist für mich ein entscheidender Satz. Ich habe überlegt, ob die Palette an Arbeitstätigkeiten für Menschen ohne Qualifikation vielfältiger sein könnte, wenn die Arbeitsmärkte dereguliert würden.

Liberale „Think Tanks“ fordern nun also, es dürfe keine Rolle spielen ob einem die Arbeit Freude bereite. Meine Überlegung aber ist, ob Freude an der Tätigkeit nicht genauso ein legitimes Bedürfnis in einem freien Arbeitsmarkt wäre und diese sich nicht wenigstens dadurch steigern ließe, indem durch Deregulierung ein vielfältigeres Angebot an Tätigkeiten für Menschen ohne Qualifikation bereit stünde ? Denn Menschen sind individuell und vielfältig. Mir kommt es seltsam und unplausibel vor, wenn es bei dem individuellen Wesen des Menschen in staatlich regulierten Arbeitsmärkten doch immer nur eine Hand voll Tätigkeiten für Menschen ohne Qualifikation geben soll. In meinen Augen ist das ein Ausdruck für staatlichte Aktivität, die eine bestimmte Gruppe von Menschen von vielerlei Berufsmöglichkeiten aufgrund von gesetzlichen Regulierungen ausschließt.

Ebenso könnte man auch daran gehen die staatlichen Strukturen für Ausbildung und Qualifikation aufzuheben, sodass diese, falls von den Menschen gewünscht, auf dem Markt in einem Wettbewerb angeboten werden könnten. Es könnte sein, dass dies aber in Summe weniger Tätigkeiten betrifft als es sie Heute betrifft und das würde die Vielfalt an Tätigkeiten, für die man keine Qualifikation benötigt, erhöhen. Und eine Erhöhung dieser Vielfalt käme näher an die Individualität der Menschen heran, sodass Freude und Arbeit nicht zwingend in einem angespannten Diskrepanzverhältnis verbleiben müssen.

Menschen sind vielfältig. Warum sind es dann die Arbeitstätigkeiten nicht ? Wären Menschen frei, würde sich anhand der Arbeitstätigkeiten bereits die Vielfältigkeit der Menschen und ihrer Bedürfnisse abbilden und eine bessere Deckung von Arbeit und Freude finden als es gegenwärtig der Fall ist.

Auch ein Motivationshemmnis sind Löhne, die nicht zum Leben reichen, weil staatliche Regulierung beispielsweise die Möglichkeit eines freien Wohnungsmarktes beschränkt und dieser sich nicht gemäßg den Bedürfnissen wohnungssuchender entwickeln kann. Zugleich erzeugt die Zentralbank eine Geldwertminderung, die zur Immobilienspekulation einlädt und ebenso Preise für mieten, kaufen und wohnen steigen lässt. Dies sind anhand des Themas „Wohnungsmarkt“ zwei essentielle Angriffe – einmal von staatlicher und ein andermal von zentralbänklerischer Seite – auf die Bedürfnisbefriedigung eines Wohnungsmarktes. Dieser Greifzangenangriff verteuert die Mieten und so kann das Einkommen natürlich nicht ausreichen. Man muss bedenken, dass Wohnen nicht das einzige Thema ist, bei dem es in dieser Form abläuft. Strom, Lebensmittel, Lebenshaltungskosten im allgemeinen, es betrifft stets alles. Der Reformbedarf ist also groß, denn ansonsten wächst weiterhin die Unzufriedenheit bei den Menschen und rechtspopulistische Parteien könnten an Zugkraft gewinnen.