Auf aktuellen rechten Demonstrationen wie in Charlottesville am 12. 08. 2017 werden Südstaaten- neben Naziflaggen getragen. Das ist historisch falsch, selbst wenn der Ku-Klux-Klan und übrige der (Südstaaten-) Konföderation immer noch ergebene Organisationen alles andere als angenehme Zeitgenossen waren und sind. Einen Vorstoß des Klans während der 1920 er Jahre, in Oregon Privatschulen verbieten zu lassen, kommentierte Murray Rothbard in »Für eine neue Freiheit« 1973 so: »Man tut gut daran zu realisieren, dass das vielgerühmte ›progressive‹ und ›demokratische‹ öffentliche Schulsystem die leidenschaftlichsten Unterstützer auf dem bigottesten Abweg des amerikanischen Lebens fand, unter Leuten, die Vielfalt und Verschiedenheit in Amerika ausmerzen wollen.«  Der Ku-Klux-Klan formierte sich nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865; bis 1874 löste er sich auf. 1915 wurde er neugegründet, eine unionsweit operierende paramilitärische und nationalistische Organisation, welche gegen Neueinwanderer, politisch engagierte Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder, Intellektuelle, Juden, Katholiken, Schwarze und Gegner der Alkoholprohibition (1920 -1933) gerichtet war. Ich halte fest: Der Klan war für Schulpflicht und das Verbot von Privatschulen ebenso wie für die Prohibition. Sind das rechte oder linke Positionen? 1944 erfolgte die zweite Auflösung. Ende der 1950 er Jahre entstanden wiederum Klan-Organisationen mit rassistischer Stoßrichtung, die traurige Höhepunkte in spektakulären Mordserien und in Brandanschlägen auf schwarze Kirchengemeinden fand. Heutige Organisationen, die den Namen führen wie die in Charlottesville beteiligten »Loyal White Knights of the Ku-Klux-Klan« wurden zum Teil erst in den letzten Jahren gegründet. Eine amerikanische Tradition verkörpern sie nicht.

Diejenigen, die nicht müde werden zu beteuern, dass der Nationalsozialismus eine linke Bewegung war – wohlgemerkt mit gewissem Recht, schrieb doch Joseph Goebbels: »Der Idee der NSDAP entsprechend, sind wir die deutsche Linke. […] Nichts ist uns verhasster als der rechtsstehende Bürgerblock.« (Der Angriff, 06. 12. 1931.) – müssten die Demonstration in Charlottesville also eine »linke« nennen? In welche Ecke wollen sie dann jedoch die Gegendemonstranten hin stecken, die sogenannten »Kulturmarxisten«?

Der Kampfbegriff »Cultural Marxism« entsteht in einer ganz bestimmten Situation der us-amerikanischen Geschichte. Die »Rechte« verrät, wie Murray Rothbard es in »The Betrayal of the Amerian Right« (1971) ausdrückt, die alten Werte der USA, die einzigartige Kombination persönlicher und wirtschaftlicher Freiheiten, und schließt ihren Frieden mit der Staatsgewalt, ja sie vergöttert sie. In dieser Situation macht die Rechte für die kulturellen und wirtschaft­lichen Probleme nicht mehr die Prinzipien des Staats verantwortlich, sondern sinistere Kräfte, die den Staat okkupiert haben und eigentlich bestrebt seien, ihn zu zerstören. Als diese Kräfte identifiziert man nun Kritiker des Staats, vor denen man den Staat retten müsse. Da der Marxismus in seiner real existierenden Form so eindeutig den totalitären Staat bevorzugt hatte, musste ein anderer Begriff für den neuen Feind her – und das war dann »cultural marxism«.

In den 1960er Jahre macht sich Murray Rothbard daran, mit dem Journal »Left and Right« eine neue Heimat für die Vorstellung der konsequenten Freiheit aufzubauen. Die historische Situation, in der er sich befindet, sieht folgendermaßen aus: Die alte us-amerikanische Rechte war verraten worden oder sie hatte selber Verrat (»betrayal«) geübt. 1964 trat Barry Goldwater als letzter republikanischer Kandidat mit halbwegs konsequent klassisch liberalem innenpolitischen Programm zur Präsidentschaftswahl an; seine innenpolitischen Reden verfasste der Anarchist Karl Hess. Außenpolitisch jedoch verließ Goldwater die Tradition des Isolationismus und schloss Frieden mit dem militärisch-industriellen Komplex. Dieses Zugeständnis bewahrte ihn nicht vor der Wahlniederlage; sie markierte das Ende einer Ära. Allerdings muss man bedenken, dass es tatsächlich ein Republikaner gewesen war, der Anfang des 20. Jahrhunderts den Sozialstaat in den USA eingeführt hatte, nämlich Theodore Roosevelt. In gleicher Weise hatte – nebenbei bemerkt – in Deutschland auch nicht etwa ein »Linker« den Sozialstaat eingeführt, sondern der preußisch konservative Monarchist Otto von Bismarck. Mit den us-amerikanischen Rechten, zu denen einst so ausgesprochene Anarchisten wie Albert Jay Nock gezählt hatten, war in den USA nun nichts mehr anzufangen. Sie hatten sowohl die Macht verloren als auch das Ideal der Freiheit aufgegeben. Ein Pessimismus prägte sie, wie Rothbard schrieb, dass die vergangenen Zeiten nicht wiederkämen. Die Herrschaft übten die Sozialtechnokraten aus, die sich ebenso gegen den klassischen Liberalismus im eigenen Land wandten wie gegen den kommunistischen Feind im Osten; in den USA hielten sie am Adjektiv »liberal« allerdings meist fest, sodass der Begriff des »Liberalismus« hier einen genauso drastischen Bedeutungswandel erfuhr wie der Begriff des »Konservativismus«. Die Sozialtechnokraten wähnten sich ideologie- und wertfrei, es ging ihnen einzig um eine reibungslose und effiziente Ausübung der Herrschaft. Nur wenige gingen so weit wie B. F. Skinner, der die Vorstellung einer Herrschaft »jenseits von Freiheit und Würde« entwarf. Gegen die Sozialtechnokratie mit all ihrer Bevormundung und Kriegswirtschaft entstand in den 1960er Jahren eine Rebellion vor allem unter Studenten, die sich, sofern sie sich politisch formierten, als »Neue Linke« bezeichneten. Mit »neu« grenzten sie sich vom Realsozialismus sowjetischer Prägung ab. Die Ideen der Neuen Linken waren ein wildes Gemisch aus Marxismus, Anarchismus, Psychoanalyse und klassischem Liberalismus etwa in der Tradition von Thomas Jefferson.

Murray Rothbard erkannte einen anti-etatistischen Kern im Aufbegehren gegen sozialtechnokratische Bevormundung, allerdings ebenso die Instabilität in den Vorstellungen der »Neuen Linken«. Sie waren, weil sie über keine fundierte Staatskritik verfügten, anfällig dafür, dass sie in das System der Sozialtechnokratie sich integrieren ließen, sobald ihre »alternativen« Projekte staatliche Unterstützung erhielten. Der Liberalismus war aufgrund der Umdeutung durch die Sozialtechnokraten für die Neue Linke unattraktiv, ebenso wie die Konservativen durch ihren Verrat am Anti-Militaris­mus keine Option darstellten. Allerdings entdeckten »Neue Linke« wie Ronald Radosh später den Anti-Militarismus der us-amerikanischen alten Rechten. (Heute zählt sich Radosh zu den Neokonservativen.)

Ursprünglich war der klassische Liberalismus »links«, so analysierte Rothbard 1964 in seinem programmatischen Eröffnungsessay für »Left and Right«. In allen europäischen Parlamenten Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts ­saßen die Abgeordneten um so weiter links, je radikaler ihr Liberalismus war. Auf der rechten Seite saßen konservative Verteidiger des »ancien régime«, der alten Ordnung des Feudalstaats. Durch die Kompromisse, die die Liberalen mit dem Staat schlossen, in besonders ausgeprägter Weise etwa durch die Formierung des Nationalliberalismus in Deutschland, wurde der linke Platz der revolutionären Opposition gegen die herrschende Ordnung frei. Ihn okkupierte eine neue politische Richtung, der Sozialismus und Kommunismus, der keine grundsätzliche Opposition gegen den Staat mehr war, sondern unter Revolution nur noch den Austausch der Führungsspitze des Staats verstand. Dass sich die klassischen Liberalen den linken Platz haben wegnehmen lassen, hielt Rothbard noch im 1973 zuerst erschienenen und 1978 überarbeiteten libertären Manifest »Für eine neue Freiheit« für den entscheidenden strategischen Fehler, der zum Scheitern des Liberalismus geführt habe. Es bedurfte nach Rothbards Auffassung in dieser Situation einer neuen politischen Bewegung. Der Begriff »Liberalismus« war seiner Analyse nach ebenso verbrannt und unbrauchbar wie die Begriffe Konservativismus und Rechte. Rothbard entschied sich für einen anderen Begriff, den des Libertarismus. Einerseits folgt er der gleichen Wortlogik wie der Liberalismus, indem er noch stärker als »Liberalismus« aus dem angelsächsischen Wort »Liberty« für die politische Freiheit hergeleitet ist. Andererseits war er, vor allem in der Form als Adjektiv, europäisch »libertär«, englisch »libertarian«, in einem bestimmten Zusammenhang der politischen Linken bereits eingeführt. Als »libertär« bezeichneten sich zum ­einen solche Sozialisten und Kommunisten, die sich von staatsfixierten Vorstellungen der Bolschewisten abgrenzen wollten, zum anderen Anarchisten, die es satt hatten, dass sie ständig mit Terroristen oder anderen Chaoten verwechselt wurden. Dies war nicht nur in Europa so, sondern auch in den USA. Etwa gebrauchte Paul Goodman, einer der explizit anarchistischen Vordenker der Neuen Linken, mit dem auch Rothbard zusammenarbeitete, das Wort »libertarian« 1945 in seinen Reflexionen darüber, warum er den Wehrdienst im zweiten Weltkrieg verweigert habe.

Da ist natürlich anderswo »links« als bei Hillary Clinton oder Angela Merkel. Aber sind die überhaupt »links«? Wo wäre dann überhaupt »rechts«? Und wenn jetzt, seit Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen, die »liberals« in Kalifornien mit Sezession liebäugeln, kommt die heilige Rechts-Links-Ordnung wiederum ganz durcheinander. Und das ist auch gut so.

Murray Rothbard, For A New Liberty (1973/78), dt. Für eine neue Freiheit, veröffentlicht in zwei Bänden, hg. von Stefan Blankertz, Berlin 2015.

Murray Rothbard, The Betrayal of the American Right (1971-1991), dt. Der Verrat an der amerikanischen Rechten, Grevenbroich 2017.