Manchmal lese ich in den Kommentarspalten unterhalb von Fussballartikeln den Vorwurf, jemand, der sich auch vorstellen kann, für einen anderen Verein zu spielen, sei ein Söldner. Jemand, der den Verein für den er spielt, vorgibt zu lieben, gleichzeitig aber mit anderen Vereinen flirtet und liebäugelt, sei ein Lügner.

  1. Söldner zu sein ist nichts unehrenhaftes. Eher noch ist es etwas tugendhaftes. Man stellt seinen Dienst gegen Geld in eine freiwillige Tauschbeziehung. Geben und nehmen. Jeder Mensch, der Morgens aufsteht um zu arbeiten, tut das selbe und würde ebenfalls darüber nachdenken, wenn er die Möglichkeit hätte, irgendwo zu arbeiten, wo er mehr Geld verdienen kann. Dann wären alle Menschen Söldner. Ja und ? Das ist kein Problem sondern ein Element, damit es überhaupt so etwas wie Zivilisation gibt. Denn wenn man aufhören würde, Arbeit gegen Geld zu tauschen, würden wir alle ganz schnell auf dem Substandard landen, den es vermutlich noch vor dem Mittelalter gegeben hat. Also bitte ein wenig weiter denken und nicht immer irgendwelche Begriffe in den Raum stellen, die dann mit negativer Aussagekraft brillieren sollen.
  2. Die Gleichsetzung von dem oben von mir beschriebenem Söldnerbegriff, (der auch jene Menschen umfassen dürfte die immer mit dem Vorwurf operieren, jemand sei ein Söldner), mit der Unterstellung, ein unehrlicher Mensch zu sein, macht aus jenen den Vorwurf gebrauchenden Menschen Hetzer und das ist sicherlich etwas sehr negatives. Es ist nicht unehrlich, wenn man im Berufsleben seine Tätigkeit, seine Arbeit usw. liebt. Aber im Gegensatz zur Liebe gegenüber einem Partner, kommt kein gesunder Mensch auf die Idee, man würde jemandem Untreu, weil man auch andere Tätigkeiten und Berufsorte sich sehr gut vorstellen kann. Wäre dem nicht so, könnte man in seinem Leben maximal eine einzige Arbeit machen, die man liebt und alles andere kann nie wieder so sein. Das ist aber sicherlich Unsinn.
  3. Ein Fussballverein ist nichts anderes als eine Firma, eine Marke, ein Lebensmittel, eine Musikband, was auch immer was einen emotional bewegt. Doch es gibt im Leben im Normalfall nicht nur eine Sache, die einen Menschen emotional bewegt. Es ist nicht unehrenhaft oder verlogen, wenn es mehrere DInge im Leben gibt, die einen emotional ansprechen. Man kann auch mehrere Städte gleichzeitig lieben und sich nicht genau entscheiden, welche man am liebsten hat. Man kann unterschiedliche Urlaubsorte gleichzeitig lieben und von ihnen begeistert sein. Das alles ist menschlich und sehr individuell. Menschen sind Individuen und keine kollektivistisch einheitlichen Klone, die einer totalitären Form von Einheit gleichen. Menschen sind Individuen und je nach Individuum handhabt jeder seine Interessen, Gefühle und Lieben anders. Der eine mag nur einen Fussballverein lieben wollen, der andere nicht. Beides ist ok, so lange niemand dem anderen etwas aufzwingt. Der eine mag sein Leben lang nur für einen Verein sich vorstellen wollen zu spielen, der andere nicht. Das alles gehört zum Gesamtspektrum des Mensch-Sein. Es ist individuell. Das gilt es zu akzeptieren, zu tolerieren. Toleranz schafft Frieden. Fangen wir an, die Individualität nicht aushalten zu wollen, ist eine friedliche Zukunft gefährdet, denn jeder hat aus seiner Sicht immer Gründe, wenn er sie sucht, warum die anderen das Problem sind. Frieden gibt es nur durch Toleranz – Leben und Leben lassen. Wenn das gilt, dann sollte einem auch die Leidenschaft verlustig gehen, anderen boshaft vorzuwerfen, sie seien Söldner, weil sie so sind, wie sie sind und weil sie offenbar anders sind als man selbst oder man sich selber gerne sehen will.
  4. Meinungsfreiheit ist gut. Jeder kann und soll auch kritisieren dürfen, was ihn subjektiv missfällt. Aber Toleranz ist das Gleitgel einer freien und friedlichen Gesellschaft. Und wenn man tolerant ist und Toleranz ausübt, beklagt man nicht andauernd das Verhalten anderer Menschen, ihre Beweggründe, ihre Motivationen oder ihre Empfinden. Man beklagt nicht, dass andere Menschen anders sind und handeln als man selbst. Man begreift, dass das Leben und die Menschen Individuen sind und hält darum lieber einmal zu oft als einmal zu wenig die Klappe.