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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Schabbatabend in Wien

Esther Scheiner, 02.09.2016

Freitag Abend, eine gute Stunde vor Schabbat Eingang. In seinem Restaurant in der Seitenstättengasse 2, unmittelbar neben dem Wiener Stadttempel schaut Eddie sehr vergnügt drein.

Die Türen sind, im Gegensatz zu früheren Besuchen, weit geöffnet und geben den Blick frei auf ein gepflegtes Restaurant. Die Tische sind festlich eingedeckt, wie es sich für einen Freitagabend gehört, auf jedem Tische stehen eine Flasche Rotwein und ein grosses Mineralwasser. Die Speisen befinden sich noch im Kühlraum, was bei der Hitze, die derzeit Wien fest im Griff hat, auch dringend angeraten ist.

Auf der Anrichte brennen auf einem grossen Tablett, ausgekleidet mit Alu Folie, schon zahlreiche Schabbat Kerzen. Einige Frauen und Mädchen nutzen die Gelegenheit, auch hier, in Wien, weit weg von daheim die Schabbat Kerzen anzuzünden.

Wir haben unseren Tisch telefonisch bestellt und auch die Rechnung bereits mit Kreditkarte einige Tage vorher bezahlt. Mit € 30,– (CHF 32,90/ NIS 126,50) pro Person inklusive Wein und Mineralwasser ist der Preis eher bescheiden. Weder in der Schweiz, aber auch nicht in Israel würden wir dafür ein wirklich schmackhaftes Schabbat Menü erhalten.

Vor dem Essen besuchen wir das Freitagabend Gebet in der Hauptsynagoge von Wien. Die Einlasskontrolle war diesmal wesentlich stressfreier, die Ausweise wurden zügig kontrolliert und nach zwei, drei Fragen wurden wir freundlich willkommen geheissen. Im Gegensatz zu vorherigen Besuchen ist heute auch die „Damenabteilung“ im 1. Stock gut besucht. Im Erdgeschoss bei den Herren herrscht das übliche Gedränge. Kinder wuseln zwischen den Männern herum, ein kleiner Bub, der sich daumenlutschend in die Nähe des Rabbiners schleicht, wird allerdings von diesem schnell wieder in die Obhut des Vaters dirigiert.

Gebetbücher sind auf der Frauenempore heute Mangelware. Ich versuche, trotz der völlig anderen Aussprache auch ohne die Textunterstützung nicht den Faden zu verlieren. In den jüdisch-orthodoxen Gemeinden sind Frauenstimmen, ganz besonders singende, für die Ohren der Männer ein Gräuel. So sagt man. Sie würden die Andacht stören. Na ja. Um so erfreulicher ist es für mich, dass bei „Lecha Dodi“ die Frauen sehr wohl ihre Stimmen klar und deutlich erheben! Und sich prompt wie eine Klangwolke über die der Männer legen!

Auffallend ist heute die grosse Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die von Rabbiner Eisenberg besonders begrüsst werden. Es sind Gäste einer Janusz Korczak Stiftung, die Kinder aus Israel, deren Väter während einer der letzten Kampfhandlungen in Gaza umkamen, nach Wien, Budapest und Prag eingeladen hat. Janusz Korczak war ein jüdischer Lehrer, der den Gang in die Gaskammer der Freiheit vorzog. Statt, wie ihm von den Nazi Schergen angeboten wurde, das KZ zu verlassen, blieb er bei „seinen Waisenkindern“, die er so lange betreut hatte. Er brachte es nicht über das Herz, sie im Stich zu lassen.

Nach dem Ende der Gebete eilt ein Teil der Männer nach Hause. Die meisten Frauen und Töchter, darunter viele Gäste aus den USA und Israel, treffen sich beim Eingang wieder mit ihren Männern und Söhnen und streben gemeinsam ins „alef alef“.

Ich kenne das Restaurant schon seit vielen Jahren. Zunächst sass man noch auf unbequemen Stühlen an Tischen, die mit Wachstuch eingedeckt waren. Das Interieur wirkte leicht angegammelt, aber der Duft, der durch den Raum waberte, war unvergleichlich: Gebratene Gans, hausgemachtes Blaukraut und Serviettenknödel – so musste es im Shtetl Galiziens gerochen haben!

Ein neuer Pächter kam, er machte marginale Verbesserungen und verstand es, die Küche zu „globalisieren“. Sie war nicht schlecht, sie war nicht gut, sie war, wie man sagt: „Nisch ahin, nisch aher.“

Und dann ging der sterbende Stern vollends unter. Er verschwand mit den Ambitionen des Pächters sich lieber dem verdienstvolleren Catering zuzuwenden. Wien verlor sein geliebtes koscheres Restaurant.

Im Sommer 2015 schloss Eddie Ferszt einen Vertrag mit der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien ab, die Pacht des Restaurants „alef alef“ zu übernehmen.

Eddie erfüllte sich damit einen lang gehegten Traum, zu kochen, kreativ zu sein und Gastgeber zu sein. Seine Gäste sind Gäste und keine Kunden.

Nichts blieb mehr, wie es vorher war, die Küche wurde saniert, ebenso die Sanitäranlagen, die Gaststuben bekamen einen neuen Boden, ein neues Wand Design und ein völlig neues Lichtkonzept.

Das angedeutete Tonnengewölbe ziert ein ornamentaler Dekor in warmen, hellen Ockerfarben, die den Raum noch höher und weiter erscheinen lassen.

Die in die Jahre gekommenen Möbel wurden ausgetauscht. Tischwäsche, Geschirr, Gläser und Besteck zeugen von modernem Geschmack.

Auch der altgediente, wenngleich auch noch junge Kellner wurde einem kompletten Imagewandel unterzogen. Statt wie früher knötterig und einsilbig zu servieren, kommt er nun durchaus charmant und redefroh daher.

Seit vielen Jahren lebt Eddie, der vor 67 Jahren in Bolivien geboren wurde, in Wien. Studiert hat er in Haifa, Maschinenbau am Technion. Dann hat er seine Frau kennengelernt und ging mit ihr nach Wien. Für ein halbes Jahr, ein Jahr……. Schlussendlich für mittlerweile mehr als 40 Jahre. Seine 14 Enkelkinder kommen ihn jedes Jahr im Sommer besuchen. Sie kommen in drei Gruppen, mehr Platz bietet seine Wohnung nicht. Und dann ist er ganz einfach nur Grossvater.

Am Schabbat verwandelt sich Eddie in einen Gastgeber par excellence. Im hellgrauen Anzug mit weissem Hemd, Fliege und Kippa begrüsst er jeden Gast, als sei er sein liebster Freund.

An jedem Tisch wird Kiddusch gemacht, der traditionelle Segen über Wein und Brot. Je nach Familientradition sitzend oder stehend, in der Langversion, die auch noch einige Lieder beinhaltet, oder in der gestrafften Kurzversion.

Die Tische sind gefüllt mit Köstlichkeiten: Challot, Tehina, Humus, mariniertem Gemüse, Pilzen, Auberginen, israelischem Salat, Krautsalat. Anschliessend serviert man eine Hühnersuppe, die den Namen „Goldene Joich“ verdient, gefolgt von gegrilltem Huhn mit Gemüse und Erdäpfeln. Alles hausgemacht, kein Convenience food. Nichts ist verkocht, sogar das lauwarme gegrillte Gemüse hat noch einen perfekten Biss. Um das zu schaffen, muss man sein Handwerk wirklich verstehen. Immerhin sind die Speisen seit Stunden schon auf den Warmhalteplatten und in entsprechenden Schubladen zwischengelagert. Der Herd selber darf am Schabbat nicht benutzt werden. Als Abschluss gibt es frischen Fruchtsalat.

Sonderwünsche bei den Getränken werden unkompliziert erfüllt, wie es der Küchenmannschaft gelingt, das Huhn gegen ein Schnitzel zu tauschen, ist mir nicht klar. Sie wurden jedenfalls erst als Letztes serviert. Vielleicht musste hier die Wärmeschublade zum Erwärmen dienen…..

Die Stimmung ist grossartig. Festlich, wie es typisch für den Schabbatabend ist und trotzdem locker. Ebenso vielfältig wie die Heimatländer der Gäste sind auch die Sprachen, die sich neben dem vorherrschenden Wiener Deutsch behaupten.

Wer nach diesem himmlischen Essen nicht satt ist, ist selber schuld!

Zwei Tage später, am Sonntagabend sind wir noch einmal zu Gast bei Eddie, der sich an uns erinnert.

Die Karte ist traditionell, Wiener Schnitzel vom Kalb oder Huhn werden ebenso geschmackvoll angeboten, wie der traditionelle Gulyas oder der Fiaker Gulyas. Im Herbst, so hat es Eddie versprochen, soll wieder die traditionelle Gans auf der Karte stehen.

Eddi hat sich ein zweites Standbein geschaffen. In der Taborstrasse im zweiten Bezirk hat er eine wunderbare Vinothek eröffnet. Schade nur, dass er bisher keine Weine aus unserem Heimatort verkauft!

Für Besucher, die erstmals oder auch zum wiederholten Mal nach Wien kommen lohnt es sich, diesem sehr guten Restaurant im 1.Bezirk einen Besuch abzustatten. Ein gut geführtes Restaurant, eine geschmackvolle Küche und eine angenehme Atmosphäre.

 

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