Team-Blog: Statler & Waldorf

Seit 2004.

Ich bin dann mal weg

30.06.2008 15:31 - Statler & Waldorf by Statler - 78 Kommentare

…bis auf weiteres jedenfalls. Wieso? Ich will ehrlich sein: Ich denke, daß die politische Blogosphäre nicht mehr besonders interessant ist, und natürlich muß ich, als Teil der politischen Blogosphäre, mir das auch anrechnen lassen.

Mein Überdruß hat eigentlich keine aktuelle Ursache, sondern ist allgemeiner Natur. Mehr oder weniger regelmäßig habe ich in den letzten vier Jahren versucht, hier im Internet politische und ökonomische Dinge zur Diskussion zu stellen. Mal mehr, mal weniger polemisch, mal in pädagogischer Absicht und manchmal auch, um einfach nur eine halbfertige Meinung, über die ich mir selbst nicht ganz sicher war, einem Härtetest auszusetzen.

Eine ganze Weile lang war das sehr interessant, wenn auch manchmal anstrengend. Aber ehrlich gesagt: Politische Themen ändern sich nicht wirklich, und so wiederholt sich vieles. Äußerungen in der Kommentarabteilung sind oft eher vorhersehbar als interessant, und aus der Perspektive des Lesers gilt das vielleicht auch für die Beiträge oberhalb der Kommentarabteilung. Dazu kommt, daß sich einige Positionen in letzter Zeit deutlich verhärtet haben. Manch einer, gerade unter unseren fundamentalistisch-libertären Lesern, möchte nicht diskutieren, sondern er möchte nur nochmal lesen, was er ohnehin schon ganz sicher zu wissen glaubt.

Lesestoff

24.06.2008 12:54 - Statler & Waldorf by Statler - 52 Kommentare

In Ermangelung eigener Blogproduktivität einige aktuelle Lesehinweise:

  • Kann man von drei Euro am Tag leben? Eine lange Antwort gibt Don Alphonso, und auch auf die Gefahr hin, daß man ihm jetzt vorwirft, Beifall von der falschen Seite zu bekommen, würde ich sagen, daß diese ziemlich differenzierten Überlegungen sehr bedenkenswert sind. Übrigens in beide Richtungen — sowohl hinsichtlich der Frage, ob man von drei Euro am Tag leben kann, als auch das Problem betreffend, ob Hartz IV so bleiben kann, wie es ist.
  • Rationale Ignoranz, und was sie für das Verständnis demokratischer Entscheidungen bedeutet — exzellent diskutiert bei den BLOGgies.
  • Was mit dem Vertrag von Lissabon wirklich nicht stimmt, schreiben Alesina und Wacziarg. Dazu auch lesenswert: Harald Uhlig.
  • Warum Spekulanten nicht für hohe Ölpreise verantwortlich sind: weitere Links bei Greg Mankiw.

Viel Spaß bei der Lektüre.

Brain Drain — selbst gemacht

14.06.2008 18:38 - Statler & Waldorf by Statler - 32 Kommentare

DIE ZEIT 25/2008:

Vom Asylbewerberschiff auf eine Elitehochschule, »from child refugee to research wunderkind«, wie Wellesleys Campuszeitung jubelt – das ist eine sehr amerikanische Geschichte. Sie erzählt vom eisernen Willen eines Einwanderermädchens, es ganz nach oben zu schaffen – und erklärt, warum kluge Köpfe nirgendwo besser gefördert werden als in den USA. Zugleich ist es auch eine sehr deutsche Geschichte. Denn allzu gern hätte Sanja ihre Schule in Deutschland beendet und hier studiert. »Wir wollten unbedingt in Hamburg bleiben«, sagt sie. Doch Deutschland schien an dem Ausnahmetalent nicht sonderlich interessiert.

Eine schöne Reportage, die mehrere Probleme gleichzeitig illustriert. Nicht nur die Härte des deutschen Einwanderungsrechtes gegenüber den unmittelbar Betroffenen. Sondern auch die Art und Weise, wie sich Deutschland selbst immer wieder schadet, indem es diejenigen wegschickt, die es so dringend bräuchte. Und schließlich erfährt man auch einiges darüber, wie ein hoch ausdifferenziertes, vielfältiges Bildungssystem
soziale Mobilität fördert — oder vielleicht sogar erst möglich macht.

Der Abbau von Vorurteilen

03.06.2008 12:49 - Statler & Waldorf by Statler - 255 Kommentare

Ein Linker liest Hayek:

Hayek was a surprise, in several ways. He’s nowhere near as extreme as his ideological descendants. He admits that there are a few rare economic circumstances in which market forces cannot deliver the optimum result, and that when these occur, the state may legitimately intervene. He recognizes such a thing as the social interest and will even endorse some limited redistributionalism—he goes so far as to suggest that the state ensure a minimum standard of living, an idea that surely embarrasses the good folks at Cato. Politically, Hayek is not the cynic I had braced for. Plainly, transparently—and in stark contrast to many modern conservative intellectuals—he is a man concerned with human freedom. One of the unexpected things in Road is that he writes with passion against class privilege.

Eine ganz falsche Baustelle

01.06.2008 13:29 - Statler & Waldorf by Statler - 138 Kommentare

Gerade lese ich in meiner Sonntagszeitung, daß die Junge Union die Erbschaftsteuer abschaffen möchte. Das ist zunächst etwas überraschend. Wäre ich Finanzpolitiker und müßte ich mir überlegen, in was für ein Reformprojekt ich meine politische Energie investieren möchte, dann wäre die Abschaffung der Erbschaftsteuer so ziemlich das letzte sinnvolle Vorhaben, das mir einfallen würde. Wieso? Ganz einfach: Die Erbschaftsteuer ist nicht besonders ineffizient. Im Gegenteil. Niemand kann ihr ausweichen, es sei denn durch Abwanderung ins Ausland, aber diese Alternative wird nicht für viele Steuerzahler attraktiv sein. Und wie man etwa in den USA sieht, wo ausgerechnet reiche Haushalte eine politische Kampagne zur Erhaltung der Erbschaftsteuer initiiert hatten, kann eine moderate Erbschaftsteuer mit erträglichen Steuersätzen sogar von denen akzeptiert werden, die für den Großteil des Steueraufkommens sorgen müssen.

Das Mittelalter ist nur 1.500 Kilometer entfernt

17.05.2008 14:58 - Statler & Waldorf by Statler - 33 Kommentare

Wieder mal ein kleiner Zivilisationsbruch mitten in Europa:

Auch die seriösen Medien des Landes, darunter La Repubblica, verbreiten ganz selbstverständlich die Mär von den “Zigeunern, die Kinder stehlen”.

(taz)

Und Neapel ist das neue Rostock-Lichtenhagen:

Als die Feuerwehr anrückte, wurde sie mit Pfiffen begrüßt. Anstatt die Löscher zu unterstützen, applaudierten die Umstehenden dem lodernden Feuer. Zwei Nomadencamps am Stadtrand Neapels waren bereits am Dienstagabend in Flammen aufgegangen, am Mittwoch wurden weitere Barackensiedlungen von bislang Unbekannten in Brand gesetzt. Verletzt, so hieß es, wurde dabei niemand. In den Ruinen der Holzhütten fand die Polizei die Spuren mehrerer Molotowcocktails.

(Süddeutsche Zeitung)

Da ist es doch gut, daß Berlusconi ein hartes Law-and-Order-Regime führt:

Am Vormittag wurden über 400 Festnahmen aus neun italienischen Regionen gemeldet.

(Süddeutsche Zeitung)

Was? Die 400 Festgenommenen sind keine Brandstifter, und gehören auch nicht dem entfesselten Mob an, sondern sind Einwanderer?

Oh.

“A good life is an autonomous life”

10.05.2008 16:44 - Statler & Waldorf by Statler - 1 Kommentar

Der optimistische Liberalismus des John Stuart Mill, im

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

.

Die Befindlichkeit des Landes

08.05.2008 22:23 - Statler & Waldorf by Statler - 142 Kommentare

Einhundertsechsunddreißig. Das ist die Anzahl der von rechtsradikal motivierten Tätern ermorderten Menschen in Deutschland, zwischen 1990 und 2005, zu finden in einer Liste in der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Wieviele genauso motivierte Taten für wieviele Opfer nicht im Grab, sondern in Krankenhäusern oder Rollstühlen endeten, erfahren wir nicht.

Wir Rückenmarksliberale

02.05.2008 21:16 - Statler & Waldorf by Statler - 60 Kommentare

Jawohl, doch, zugegeben: Freiheitsliebe ist ein Reflex, der von mir nicht immer — vielleicht sogar eher selten — begründet wird. Und wieso auch? Jeder, der schonmal vom Münchhausen-Trilemma gehört hat, weiß, daß Letztbegründungen schon für wissenschaftliche Aussagen nicht existieren. Wer da noch Letztbegründungen für politische Präferenzen sucht, oder gar vorgibt, über sie zu verfügen, der macht sich lächerlich.

Das tägliche Brot

13.04.2008 10:03 - Statler & Waldorf by Statler - 61 Kommentare

Jetzt fällt es auch den Deutschen auf: Steigende Lebensmittelpreise sind ein Problem, allerdings weniger für uns hier in Deutschland, wir können uns das leisten, sondern vor allem für die wenig zahlungskräftigen Konsumenten in den Entwicklungsländern. In Deutschland beispielsweise sind die Großhandelspreise für Lebensmittel im März 2008 verglichen zum März 2007 um 7,1 Prozent gestiegen. Das ist eine Menge, und es wird auch die Inflationsrate in der Eurozone treiben, aber es ist verkraftbar für eine relativ wohlhabende Bevölkerung, die auch nur einen relativ geringen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt.