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Ausgewählte Tag-Kategorie: Fortschrittspessimismus

Das Mittelalter ist nur 1.500 Kilometer entfernt

17.05.2008 14:58 - Statler & Waldorf by Statler - 33 Kommentare

Wieder mal ein kleiner Zivilisationsbruch mitten in Europa:

Auch die seriösen Medien des Landes, darunter La Repubblica, verbreiten ganz selbstverständlich die Mär von den “Zigeunern, die Kinder stehlen”.

(taz)

Und Neapel ist das neue Rostock-Lichtenhagen:

Als die Feuerwehr anrückte, wurde sie mit Pfiffen begrüßt. Anstatt die Löscher zu unterstützen, applaudierten die Umstehenden dem lodernden Feuer. Zwei Nomadencamps am Stadtrand Neapels waren bereits am Dienstagabend in Flammen aufgegangen, am Mittwoch wurden weitere Barackensiedlungen von bislang Unbekannten in Brand gesetzt. Verletzt, so hieß es, wurde dabei niemand. In den Ruinen der Holzhütten fand die Polizei die Spuren mehrerer Molotowcocktails.

(Süddeutsche Zeitung)

Da ist es doch gut, daß Berlusconi ein hartes Law-and-Order-Regime führt:

Am Vormittag wurden über 400 Festnahmen aus neun italienischen Regionen gemeldet.

(Süddeutsche Zeitung)

Was? Die 400 Festgenommenen sind keine Brandstifter, und gehören auch nicht dem entfesselten Mob an, sondern sind Einwanderer?

Oh.

Klüger werden in Zeiten des Internets

03.02.2008 13:32 - Statler & Waldorf by Statler - 9 Kommentare

Wenn heute noch, na sagen wir mal, 1992 wäre, dann hätte sich vermutlich kaum jemand die Mühe gemacht, vierzehn Jahre alte Mitschnitte aus einer Wahlkampfdebatte um einen Senatssitz herauszusuchen. Wozu auch? Man hätte sich die Arbeit machen müssen, in die Archive eines Fernsehsenders hinabzusteigen und dort zu suchen. Und hätte man sie gefunden, dann wäre nicht einmal sicher gewesen, daß jemand die Fundstücke nochmals gesendet hätte, um jetzt, in diesem Wahlkampf, vierzehn Jahre später zu beweisen, daß Mitt Romney ein wankelmütiger Geist ist.

Wir müssen das Undenkbare denken

04.01.2008 10:06 - Statler & Waldorf by Statler - 10 Kommentare

Ich brauche einen Smart.

“Sollte sich der Ölpreis verdoppeln - was nicht unwahrscheinlich ist - und der Dollarkurs normalisieren, würde der Liter Super vier Euro kosten”, sagte DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert der “Bild-Zeitung”.

Mist.

Braungrüne Koalition

31.10.2007 17:04 - London Calling by Oliver M.H. - 6 Kommentare

Wenn sich Fremdenfeindlichkeit und Ökologismus verbinden, kommt folgende braungrüne Soße dabei heraus:

Millions of people have arrived on Britain’s shores over the last 10 years and millions more are on their way. They will want houses to live in; cars, and roads to drive them on. They will be need electricity, and with fewer nuclear power stations this will be generated mainly by greenhouse gas emitting technology.

Those going to the south east of England (the majority) will want access to dwindling supplies of water which will eventually have to be supplied by building giant dams and reservoirs elsewhere in the country.

The environmentalists will be on hand to campaign against individual projects. There will be sit-ins petitions and demonstrations to protest about a bypass here, a power station there, and housing estates the size of large towns being built on a Greenfield sites. But it is time the green lobby looked at the bigger picture and realised that many of the schemes, which they so vehemently decry, would not be necessary if the population were to remain stable.

Who knows, perhaps sometime soon we will be able to look forward to a joint press conference starring Friends of the Earth, Greenpeace, professional anti-motorway protestor Swampy, and Sir Andrew Green of Migrationwatch to call for a halt to mass immigration in order to protect our environment from unsustainable overcrowding.

Gefunden in einem Blogeintrag des konservativen britischen Unterhausabgeordneten David Davies MP. Merke: Das Boot ist voll, und Wasser, auf dem es schwimmen könnte, ist bald auch nicht mehr da.

Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass sich die Konservativen bald in Neomalthusiasten umbennen wollen.

Adolf und Eva

07.09.2007 19:35 - Statler & Waldorf by Statler - 32 Kommentare
In diesem Zusammenhang machte die Autorin einen Schlenker zum Dritten Reich. Da sei vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter. Die hätten die 68er abgeschafft, und deshalb habe man nun den gesellschaftlichen Salat. Kurz danach war diese Buchvorstellung Gott sei Dank zu Ende.

Blondi 2.0. (via)

Mehr fällt mir dazu jetzt auch nicht mehr ein.

Den adornischen Untergangspropheten in allen Weblogs

05.09.2007 20:41 - Statler & Waldorf by Statler - 19 Kommentare

Die letzteren [die Utopien, s.] sind nicht selten mit einer radikalen Negation der bestehenden Ordnung und mit einem geschichts-theologischen Katastrophendenken verbunden, die als einzigen Weg für die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse den radikalen Umsturz ins Auge faßt. Soweit in den Ideologien, die zur Legitimation radikaler und revolutionärer Strömungen auf utopischer Grundlage dienen, unter dem Einfluß der Säkularisierung der einstmals kosmische Sinnzusammenhang auf einen Sinn der Geschichte reduziert wurde, sind dadurch Lehren entstanden, die nicht weniger autoritär und dogmatisch strukturiert sind als die der alten politischen Theologie. Sie sind nur säkularisierte Formen der gleichen Denkweise, in denen in denen Rechtfertigung und Offenbarung miteinander verbunden sind. Die Rechtfertigung dient allerdings nicht der bestehenden Ordnung, sondern ihrem Umsturz, sie hat also zunächst negativen Charakter. Die Dominanz des utopischen Elements und dem damit verbunden Katastrophendenken entspricht eine totale Kritik, die im Namen einer in bezug auf Details notwendigerweise ziemlich unbestimmten Utopie die bestehenden Verhältnisse radikal und pauschal verdammt, ohne sich auf rationale Alternativenanalysen einzulassen.

Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Tübingen (Mohr Siebeck) 1991, S. 194.

und

Und sowohl der Historizist als auch der Utopist scheinen durch das Erlebnis einer sich verändernden sozialen Umwelt beeindruckt und manchmal tief verstört zu sein. [...] Deshalb versuchen beide, diesen gesellschaftlichen Wandel zu rationalisieren, die eine Richtung, indem sie den Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung prophezeit, und die andere, indem sie verlangt, der soziale Wandel solle streng und vollständig gelenkt und kontrolliert werden, oder sogar, man solle ihn überhaupt aufhalten. Die Lenkung müßte vollständig sein; denn auf jedem Gebiet des gesellschaftlichen Lebens, das nicht auf diese Weise beherrscht wird, können die gefährlichen Kräfte lauern, die unvorhergesehende Umwälzungen herbeiführen. [...] Meiner persönlichen Auffassung nach kann man mit recht guten Gründen behaupten, daß die holistische Denkweise [...] keineswegs ein hohes Niveau oder Spätstadium in der Entwicklung des Denkens darstellt, sondern für ein vorwissenschaftliches Stadium charakteristisch ist.

Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, Tübingen (Mohr Siebeck) 1965, S. 59f.

Das ewige, düstere Orakeln

04.09.2007 20:07 - Statler & Waldorf by Statler - 6 Kommentare

Jetzt haben wir also das Jahr 2007, und das geht auch schon wieder in sein letztes Drittel. 2007, und wenn ich aus meinem Fenster gucke, dann sehe ich immer noch grüne Idylle unter blauem Himmel. Wenn ich Mittags die Arbeit im großartigsten Job der Welt kurz unterbreche, um Essen zu gehen, dann sehe ich in der Stadt lauter wohlgenährte, halbwegs zufrieden aussehende Menschen, fast alle scheinen zumindest nicht totunglücklich zu sein, sondern ein Leben zu genießen, von dem man vor zwei, drei Generationen nur träumen konnte.

Seltsam eigentlich, denn es ist ja schon 2007. Sollte die Welt nicht inzwischen so aussehen, wie die Kulisse von Bladerunner? Hatte nicht der Club of Rome in seiner größenwahnsinnig-malthusianischen Weltuntergangsprognose schon für das Jahr 2000 die endgültige ökologische Riesenkatastophe angekündigt? Sollten wir nicht inzwischen alle nur noch soylent green zu essen haben? Na gut, okay, dieser Film spielt erst im Jahr 2022, da kann sich die weltweite Monopolisierung der Lebensmittelproduktion also doch noch 15 Jahre Zeit lassen.

Trotzdem, ich verstehe es nicht. Sowas hier. Den Fortschrittspessimismus, die Düsternis dahinter, die apokalyptischen Erwartungen — wieso denn das alles, verdammt nochmal? Wenn ich mal kurz die Welt von heute mit der von, na sagen wir mal 1967, vergleiche, dann kann ich doch gar nicht anders als festzustellen, daß seitdem alles besser wurde. Es geht uns materiell besser. Wieviele Optionen mehr haben wir heute, als jemand, der 1967 in unserem Alter war? Zehnmal soviele? Hundertmal? Wenn man sieht, welche Möglichkeiten der Kapitalismus, diese alte Fortschrittsmaschine, uns in den letzten 40 Jahren neu eröffnet hat, wie er nicht zuletzt auch den gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr individueller Freiheit angetrieben hat — wie kann man da für die nächsten 40 oder auch 400 Jahre einen derartigen Pessimismus entwickeln?