Es kommt ja selten genug vor, aber diesmal muß ich Alan Posener mal widersprechen. Er kritisiert Benedikt XVI dafür, daß dieser sich nicht mit dem Dalai Lama treffen möchte. Dies zeige nicht nur einen Mangel an Zivilcourage, sondern eben auch einen Werterelativismus: Ausgerechnet der Papst, der sonst immer gegen einen solchen Relativismus zu Felde zieht, verhalte sich nun gegenüber China als Duckmäuser, der gerade nicht zu westlichen Werten stehe.
Die Kritik ist einerseits verständlich. Man fordert andauernd von gewöhnlichen Politikern Mut gegenüber China ein, man ist froh, endlich eine Bundeskanzlerin zu haben, die auch gegenüber China zu ihren Prinzipien steht — und dann scheint ausgerechnet der Papst zu einem Kotau vor den kommunistischen Diktatoren und Besatzern Tibets bereit. Man sollte doch eigentlich gerade von einem Papst, dem wirtschaftspolitische Beziehungen zu China ja nun herzlich egal sein können, eine offensivere Politik erwarten.
Nur, ganz so einfach ist es nicht. Es ist tatsächlich etwas anderes, denn im Falle des Vatikans hat China Geiseln. Echte Geiseln; da geht es nicht nur um die Drohung, ein paar Autos oder Transrapidzüge weniger zu bestellen. In China leben etwa 15 Millionen Untergrundkatholiken, die sich weigern, die staatliche Kontrolle über die christlichen Kirchen Chinas anzuerkennen. Diese Untergrundkatholiken werden schon im normalen Alltag verfolgt. Sie landen grundlos im Gefängnis, Kirchen werden geschlossen, Priesterseminare zerstört. Gelegentlich verschwinden auch mal Bischöfe und Priester spurlos von der Bildfläche, und man kann sich ausmalen, wo diese landen.
China hat also 15 Millionen katholische Geiseln. Man kann sich denken, daß der Preis einer symbolischen Begegnung mit dem Dalai Lama für den Papst damit möglicherweise wesentlich höher ist als für Angela Merkel. Oder genauer gesagt: nicht für den Papst selbst, sondern für die Katholiken in China. Kann man es da nicht nachvollziehen, wenn Benedikt vor einem Fototermin zurückschreckt, wenn er damit riskieren würde, die chinesischen Katholiken verschärfter Verfolgung auszusetzen?