Ausgewählte Tag-Kategorie: Oekonomie

Wider die Umdeutung der Staats- in eine Finanzkrise

24.09.2008 13:40 - Notizen aus dem U-Boot by jo@chim - 38 Kommentare

Der Bankensektor zählt zu den am stärksten regulierten Branchen in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften. Wer heute eine Intensivierung der Regulierung fordert muss also eingestehen, dass die bisher weit reichende Regulierung versagt hat. [...] Bereits die Regulierung der 20er und 30er Jahre bildete einen wesentlichen Krisentreiber der Weltwirtschaftskrise und verlängerte diese zur “Großen Depression”.

“Finanzkrise”: Märkte korrigieren Staatsversagen - aus der Ankündigung zur iuf-Veranstaltung “Manipulierte Konjunktur - Lehren aus der Weltwirtschaftskrise für die aktuelle Finanzkrise” am 01.10.2008 in Berlin.

Lesestoff

24.06.2008 12:54 - Statler & Waldorf by Statler - 52 Kommentare

In Ermangelung eigener Blogproduktivität einige aktuelle Lesehinweise:

  • Kann man von drei Euro am Tag leben? Eine lange Antwort gibt Don Alphonso, und auch auf die Gefahr hin, daß man ihm jetzt vorwirft, Beifall von der falschen Seite zu bekommen, würde ich sagen, daß diese ziemlich differenzierten Überlegungen sehr bedenkenswert sind. Übrigens in beide Richtungen — sowohl hinsichtlich der Frage, ob man von drei Euro am Tag leben kann, als auch das Problem betreffend, ob Hartz IV so bleiben kann, wie es ist.
  • Rationale Ignoranz, und was sie für das Verständnis demokratischer Entscheidungen bedeutet — exzellent diskutiert bei den BLOGgies.
  • Was mit dem Vertrag von Lissabon wirklich nicht stimmt, schreiben Alesina und Wacziarg. Dazu auch lesenswert: Harald Uhlig.
  • Warum Spekulanten nicht für hohe Ölpreise verantwortlich sind: weitere Links bei Greg Mankiw.

Viel Spaß bei der Lektüre.

Der Abbau von Vorurteilen

03.06.2008 12:49 - Statler & Waldorf by Statler - 255 Kommentare

Ein Linker liest Hayek:

Hayek was a surprise, in several ways. He’s nowhere near as extreme as his ideological descendants. He admits that there are a few rare economic circumstances in which market forces cannot deliver the optimum result, and that when these occur, the state may legitimately intervene. He recognizes such a thing as the social interest and will even endorse some limited redistributionalism—he goes so far as to suggest that the state ensure a minimum standard of living, an idea that surely embarrasses the good folks at Cato. Politically, Hayek is not the cynic I had braced for. Plainly, transparently—and in stark contrast to many modern conservative intellectuals—he is a man concerned with human freedom. One of the unexpected things in Road is that he writes with passion against class privilege.

Steuermoral und was damit zusammenhängt

02.06.2008 19:35 - Notizen aus dem U-Boot by jo@chim - 13 Kommentare

Während sich die politische Diskussion auf technische Aspekte, wie mehr Kontrollen und mehr Interventionen zu beschränken schien, wurden die Gründe zur Steuerhinterziehung nur am Rande diskutiert. Denn genauso wie der Staat ein Interesse hat seine Einnahmen zu sichern und nach Möglichkeit zu erhöhen, haben Steuerzahler ein Interesse ihr Einkommen und Vermögen vor seinem Zugriff zu schützen.

Aus der Ankündigung zur iuf-Veranstaltung Steuermoral und was damit zusammenhängt mit Prof. Charles Beat Blankart von der Humboldt-Universität am 13.06.2008 in Berlin. Scheint mir sehr gut zur Diskussion um die richtigen (Steuer-)Baustellen zu passen…

Eine ganz falsche Baustelle

01.06.2008 13:29 - Statler & Waldorf by Statler - 138 Kommentare

Gerade lese ich in meiner Sonntagszeitung, daß die Junge Union die Erbschaftsteuer abschaffen möchte. Das ist zunächst etwas überraschend. Wäre ich Finanzpolitiker und müßte ich mir überlegen, in was für ein Reformprojekt ich meine politische Energie investieren möchte, dann wäre die Abschaffung der Erbschaftsteuer so ziemlich das letzte sinnvolle Vorhaben, das mir einfallen würde. Wieso? Ganz einfach: Die Erbschaftsteuer ist nicht besonders ineffizient. Im Gegenteil. Niemand kann ihr ausweichen, es sei denn durch Abwanderung ins Ausland, aber diese Alternative wird nicht für viele Steuerzahler attraktiv sein. Und wie man etwa in den USA sieht, wo ausgerechnet reiche Haushalte eine politische Kampagne zur Erhaltung der Erbschaftsteuer initiiert hatten, kann eine moderate Erbschaftsteuer mit erträglichen Steuersätzen sogar von denen akzeptiert werden, die für den Großteil des Steueraufkommens sorgen müssen.

Völkermörder, überall nur Völkermörder!

10.04.2008 15:25 - Statler & Waldorf by Statler - 7 Kommentare

Der Finanzminister beharrt auf einer verantwortungsvollen Finanzpolitik; er verlangt von seinen Kollegen, den Ressortministern, einen sparsamen Umgang mit Steuergeldern und er verweigert ihnen größere Anstiege ihrer Ressortbudgets. Das ist sein Job, dafür ist er da.

Die Entwicklungshilfeministerin dagegen reagiert auf die Forderung nach Haushaltsdisziplin, indem sie uns eindringlich klarmacht, wofür sie das Geld braucht:

“Wir wollen verhindern, dass Millionen Kinder in der Welt an Hunger und Elend sterben.”

Oder anders formuliert: Ausgabendisziplin ist Völkermord.

Und der 10. April 2008 wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem der völlige Niedergang jeglicher Diskussionskultur auch das Bundeskabinett erreicht hat.

Adam Smith hätte Bischof Marx vielleicht zugestimmt

24.03.2008 11:33 - Statler & Waldorf by Statler - 32 Kommentare

To attain to this envied situation, the candidates for fortune too frequently abandon the paths of virtue; for unhappily, the road which leads to the one, and that which leads to the other, lie sometimes in very opposite directions. But the ambitious man flatters himself that, in the splendid situation to which he advances, he will have so many means of commanding the respect and admiration of mankind, and will be enabled to act with such superior propriety and grace, that the lustre of his future conduct will entirely cover, or efface, the foulness of the steps by which he arrived at that elevation. In many governments the candidates for the highest stations are above the law; and, if they can attain the object of their ambition, they have no fear of being called to account for the means by which they acquired it. They often endeavour, therefore, not only by fraud and falsehood, the ordinary and vulgar arts of intrigue and cabal; but sometimes by the perpetration of the most enormous crimes, by murder and assassination, by rebellion and civil war, to supplant and destroy those who oppose or stand in the way of their greatness. They more frequently miscarry than succeed; and commonly gain nothing but the disgraceful punishment which is due to their crimes.

Bankensozialstaat?

18.03.2008 18:02 - Statler & Waldorf by Statler - 29 Kommentare

In einer akuten Notsituation eine Bankenpanik und damit ein desaströses Szenario auf den Finanzmärkten abzuwenden ist eine Sache, aber das, was Josef Ackermann hier fordert

Es sei zu schwerwiegend, ein Abbau würde zu lange dauern. Der Vorstandschef der größten deutschen Bank stellt sich damit indirekt hinter die zunehmenden Forderungen von Bankern nach dem Aufkauf der faulen Hypothekenkredite durch den Staat.

ist natürlich nochmal ganz was anderes — das ist der Vollkasko-Bankenwohlfahrtsstaat. Welchen guten Grund es geben soll, sogar hoch solventen und Gewinn erwirtschaftenden Banken die Hypothekenrisiken abzunehmen, erschließt sich mir nicht wirklich.

Nicht viel weniger seltsam sind die Forderungen aus der SPD, den Bankensektor stärker zu regulieren. Für Leute, die wirklich glauben, ein staatliches Engagement im Finanzsektor würde die Dinge effizienter oder weniger riskant machen, habe ich eigentlich nur drei schnelle Hinweise: WestLB, SachsenLB, Ingrid Matthäus-Maier.

Na, immerhin…

17.03.2008 16:44 - Statler & Waldorf by Statler - 11 Kommentare

…sieht Brad DeLong die Situation von Bear Stearns auch so wie ich. Und, hurra, die Börse wohl auch:

Die JP-Morgan-Aktie ist mit einem Plus von mehr als acht Prozent das einzige Papier im Dow-Jones-30-Index, das ein ansehnliches Plus zu verzeichnen hat.

Und Megan McArdle hält die Rettungsaktion ebenfalls für angemessen:

Libertarians and liberals arguing against the Fed’s role in all this sound to me either ignorant or psychotic. The credit markets are already badly malfunctioning (yes, I was wrong). Bear Stearns is the counterparty to a huge number of transactions. Allowing it to fail would have been like throwing a hand grenade into a burning pool of gasoline; bankruptcy proceedings are time-consuming and uncertain. JP Morgan has the ability to assume their risks without any danger of going under themselves; that’s very good for the markets, and by extension, us.

Willem Buiter hätte den Laden lieber verstaatlicht.

Beim WSJ weist man nochmal darauf hin, daß die Fed bei Bear Stearns eigentlich nur das tat, wofür man sie gegründet hat:

The Fed was created in 1913 in part to be “lender of last resort” during crises such as the one now sweeping through the financial system. But it was equipped for an economy in which banks provided most credit. Now banks share that role with institutional investors, finance companies, asset-backed pools and securities dealers such as Bear Stearns.

Außerdem sei der Bailout für Bear Stearns so gestaltet worden, daß moral hazard kein wirkliches Problem sei — denn die Eigentümer hätten beim vereinbarten Kaufpreis ja herzlich wenig davon:

The funding is structured so that the greater benefit is to those who lent money to Bear Stearns in the “repo” market for secured, overnight loans, not to Bear Stearns itself. Moreover, they note it’s unlikely any firm will consider the loss Bear Stearns’s shareholders are likely to sustain as an acceptable price for taking the same risks in hopes of a bailout.

Und zum Schluß noch ein Wort vom Economist an Apokalyptiker und Finanzmarkt-Racheengel:

A salient point in this case is whether the potential future threat of risk taking encouraged by Fed bailouts is likely to be more costly than Bear’s bankruptcy. Disagreements persist about the systemic importance of Bear, but there can be no question that the uncertainty over the question and the fragility of global financial markets forced the Fed to move; the alternative was too unpalatable. The notion of helping the careless rich with their self-generated problems may be unsavoury, but the financial crisis is not taking place in a bubble separate from economic activity generally. We should not cut off our nose to spite our face.

Eben. Wie dort unten schon geschrieben: Natürlich kollidiert es mit jedermanns Gerechtigkeitsempfinden, Ferrarifahrern ein Bailout zu geben. Aber ist Rechthaberei eine deutlich verschärfte Rezession wert? Doch wohl eher nicht.

Bear Stearns

14.03.2008 23:27 - Statler & Waldorf by Statler - 32 Kommentare

Okay, Bear Stearns schrammte heute nah an der Insolvenz vorbei und wurde von der Federal Reserve-Filiale in New York, gemeinsam mit JP Morgan, durch Bereitstellung frischer Liquidität gerettet — vorläufig jedenfalls.

Ein paar ungeordnete Punkte dazu:

Being Austan Goolsbee

12.03.2008 21:14 - Statler & Waldorf by Statler - 5 Kommentare

Politiker, die in ihrer Rolle als Kandidaten für ein öffentliches Amt Protektionismus predigen, das ist mehr als die meisten Ökonomen aushalten können. Selbst wenn sie den Kandidaten beraten. Der Kandidat ist Barack Obama, der Ökonom ist Austan Goolsbee, und bis vor ein paar Tagen erzählte das Obama-Camp jedem, der es hören wollte, daß Goolsbee, der angesehene Forscher aus Chicago, in Wirtschaftsfragen ihr wichtigster Experte sei.

Wie gesagt, bei protektionistischen Sprüchen fällt es einem nach jahrelangem Ökonomiestudium nicht leicht, zu schweigen, und so äußerte Goolsbee im kleinen Rahmen die Vermutung, daß Obama das als Präsident schon nicht so meinen werde und überhaupt eigentlich zu klug für sowas sei. Was dazu führt, daß das Obama-Camp Austan Goolsbee nun nicht mehr kennt, ja sogar bestreitet, daß dieser jemals ein wichtiger Berater gewesen sei — nein, er wäre nur ein ganz normaler “volunteer” gewesen, so als hätte der Mann nachts Plakate für Obama geklebt oder an Wahlkampfständen Bleistifte verschenkt.

Politikberatung ist schon ein elendes Geschäft.

Vier Links für einen kapitalen Ignoranten

01.02.2008 13:15 - Statler & Waldorf by Statler - 4 Kommentare

Thomas Fricke:

Und alle scheinen einig, dass die Regierung Steuerschecks verschicken oder Ausgaben erhöhen muss – von Topökonomen über liberale wie konservative Politiker bis hin zum Notenbankboss. Selbst der IWF-Chef hat gerade zu Konjunkturpolitik aufgerufen.

Nur ein kurioses Völkchen scheint sich tapfer gegen solche Ideen zu stemmen: die wirtschaftspolitischen Gedankenträger im fernen Germany, wo sich Politiker, Großkommentatoren und Notenbankchefs derzeit mit erstaunlichem Selbstbewusstsein darüber empören, welch furchtbare Dinge die USA da treiben.

Und das war jetzt das Ergebnis von zehn Minuten Recherche — da gibt es noch viel mehr. Hätte man auch selbst drauf kommen können. So als seriöser Berufsjournalist.

Tiefschlag

31.01.2008 20:05 - Statler & Waldorf by Statler - 22 Kommentare

Ricardo Hausmann:

The same voices that supported tough macroeconomic policies to deal with the excesses of spending and borrowing in east Asia, Russia and Latin America are today pushing for a significant relaxation in the US to deal with the so-called subprime crisis. Interest rates should be slashed quickly and $150bn put into taxpayers’ pockets by April at the latest, they say. The Fed cut by another half-point on Wednesday.

Das sitzt. Aber richtig.

Die Dezember-Inflationsrate in den USA betrug völlig inakzeptable 4.1 Prozent. Und jetzt legen sie mit einer weiteren Zinssenkung um einen weiteren halben Prozentpunkt nach? Bis Sommer 2009 bekommen die USA ein echtes Inflationsproblem — da erbt der nächste Präsident bzw. die nächste Präsidentin einen schönen Mist.

Schön gesagt…

29.01.2008 18:50 - Statler & Waldorf by Statler - Kommentieren
German discussion of economic policy is appallingly demagogic. Neglect of economic reasoning has resulted in the threat of a maximum wage and passage of a minimum wage that will cost thousands of jobs.

…von Michael Burda.

Stimulus, Stimulus

25.01.2008 17:42 - Statler & Waldorf by Statler - 14 Kommentare

Greg Mankiw:

But given where the economy is right now and the best forecasts of where it is heading, the fiscal package seems unnecessary as a short-run measure, while in the long run adding to the debt burden without doing anything to improve incentives for economic growth.

Große Güte, selbst ein Keynesianer, der an die prinzipielle Wirksamkeit expansiver Fiskalpolitik im konjunkturellen Notfall glaubt, hält also das von Bush aufgelegte Konjunkturprogramm für überflüssig. Die Skepsis zieht sich im großen und ganzen quer durch die Zunft.

Das Konjunkturprogramm ist ein politisches Spektakel, es soll dem Wähler signalisieren, daß die Politik handelt. Man möchte sich halt nicht nochmal Vorwürfe der Untätigkeit anhören, wie nach Katrina. Aber ökonomisch ist es, naja, die reine Verschwendung.

Anderes Thema: Einen weiteren Kommentar zum jüngsten geldpolitischen Stimulus gibt es von Thorsten Polleit.

.75

22.01.2008 22:33 - Statler & Waldorf by Statler - 23 Kommentare

Stephen Roach, Chairman von Morgan Stanley Asia, hat die lange Frist im Blick:

But there will be consequences in the next recovery. Unfortunately, the US central bank can’t seem to break out of the market-friendly trap it fell into nearly a decade ago Panicking over the possibility that yet another bubble is bursting, the Fed is once again injecting liquidity into an asset-dependent US economy. That won’t arrest the recessionary dynamic now unfolding but it could well set the stage for the next asset bubble in America’s bubble-prone economy.

Wieder mal pumpt die Fed neue Liquidität in die Märkte. Ich weiß nicht, wie die Zeitpräferenzrate von Ben Bernanke aussieht, aber es ist schon nicht ganz ungefährlich, schon wieder eine kurzfristige Stabilisierung mit der Gefahr einer neuen, langfristigen Blasenbildung zu erkaufen. Und diesmal sind es .75 Prozentpunkte, das ist eine bedenkliche Größenordnung. Überhaupt, seit wann genau dürfen Aktienkurse eigentlich nicht mehr sinken, ohne daß die Zentralbanken eingreifen? Roach nennt das market-friendly, aber letztendlich ist es gerade das nicht; solche Interventionen hindern die Finanzmärkte daran, Blasen zu korrigieren. Manchmal gibt es gute Gründe für fallende Aktienkurse, und dann soll man sie gefälligst auch fallen lassen, ohne geldpolitisches Valium zu verteilen.

Stillhalteabkommen?

Aus einem Interview mit einem Börsenguru in FOCUS ONLINE:

Ich vermute, dass es ein Stillhalteabkommen gab zwischen Banken und Fonds, das vorsah, erst 2008 mit den Verkäufen zu beginnen. Dafür spricht, dass es schon an den ersten beiden Tagen des Jahres bergab ging mit Dax und Dow. Die Logik erscheint simpel: Wie man sieht, lösen die Verkäufe der Fonds einen Kurssturz aus, der auch das Vermögen von Banken schmälert. Banken haben ja selbst Aktien in ihrem Besitz. Wahrscheinlich wollten die kreditgebenden Finanzinstitute ihre Bilanzen für 2007 nicht noch stärker belasten, als es ohnehin schon der Fall ist.

Nie im Leben! Wann auch immer ich als einzelner Fondmanager weiß, daß es so ein Stillhalteabkommen gibt, kann ich meine eigene Position wesentlich verbessern, indem ich der erste bin, der noch vor dem allgemeinen Kursrutsch verkauft — bevor die anderen ebenfalls ihre Wertpapiere auf den Markt werfen. Da jeder einzelne so denkt, könnte ein derartiges Arrangement niemals stabil sein.

Gewinn machen

Die Kritiker Nokias werfen der Firma gerne vor, in Bochum ein profitables Werk zu schließen. Nebenan wird völlig zurecht darauf hingewiesen, daß diese Argumentation ziemlich verkürzt ist und daß Nokia auch deshalb abwandert, weil sich effiziente Produktionsstrukturen, die in Rumänien möglich sind, mit den Zulieferern in Deutschland wohl einfach nicht etablieren lassen. Soweit, so gut, aber bleiben wir nochmal bei dem Gewinn-Argument.

Da stellen wir uns mal ganz dumm und fragen uns: Was ist denn eigentlich ein Gewinn? Und wenn wir uns diese Frage beantworten, dann fällt uns ziemlich schnell auf, daß ein Gewinn das Ergebnis vergangener Entscheidungen ist. Ein präzise formulierender Journalist würde also Nokias Betrieb in Bochum nicht per se als profitables Werk bezeichnen, sondern als eines, das bisher profitabel betrieben werden konnte.

So, und jetzt erinnern wir uns mal kurz daran, wie in der Öffentlichkeit über nicht profitable Unternehmen diskutiert wird. Da ist dann schnell von Nieten in Nadelstreifen die Rede, die absehbare Probleme nicht erkannt hätten, die zu spät auf Wettbewerbsdruck reagiert hätten und so weiter, und so fort. Nun ja, Nokia reagiert früh auf absehbare Probleme. Es wartet nicht, bis Verluste auflaufen, sondern vermeidet sie von vornherein. Aus meiner laienhaften volkswirtschaftlichen Sicht würde ich sagen, daß das gutes Management ist — BWLer, die anderer Meinung sind, dürfen mich gerne korrigieren. Wer den Grund dafür Sucht, daß Nokia so lange Zeit ein so erfolgreiches Unternehmen war, könnte ja auch mal nach Bochum schauen.

Schwache Replik

21.01.2008 16:49 - Statler & Waldorf by Statler - 3 Kommentare

Es mag symptomatisch für den Stil der Auseinandersetzung in der deutschen Politik insgesamt sein, aber es ist auch als Einzelfall interessant: Die Reaktion auf die Stellungnahmen von Wolfgang Clement zur Hessenwahl. Gut, er hat sicher gegen die Partei-Etikette verstoßen, aber dennoch hat er ein sachliches Argument vorgebracht, nämlich seine Vermutung, daß die energiepolitischen Vorstellungen von Frau Ypsilanti den industriellen Kern Hessens gefährden.

Nun ist der Plan der Kandidatin für die Energiepolitik wirklich extrem. Wie man heute im Handelsblatt lesen kann, bekommt Deutschland tatsächlich demnächst ein Kapazitätsproblem bei der Stromproduktion. Dennoch stellt sich Ypsilanti sowohl gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke, als auch gegen die Verlängerung der Betriebserlaubnis für Kernkraftwerke. Ob die von ihr präferierten Wind- und Biogasanlagen derartig große Lücken schließen können, ist aber wohl ziemlich fraglich. Kurz und gut: Clement macht einen Punkt, über den man diskutieren sollte.

Falls Frau Ypsilanti doch richtig liegt, dann sollte es ihr und dem SPD-Parteiestablishment eigentlich leicht fallen, Clements Kritik mit ein paar informativen Argumenten zu entkräften. Gehört habe ich noch keines. Stattdessen gibt es ziemlich hysterische und beleidigte Wortmeldungen von Beck bis Struck, die Clement auf jede erdenkliche Art diffamieren, aber keinen informativen Gehalt haben. Das wiederum ist verdächtig. Wer sich lieber wie ein verstörter Gorilla aufführt, als ein informatives Signal zu senden, der sendet damit ungewollt eben doch ein informatives Signal: Struck und Beck zeigen uns, daß sie Probleme haben, Clements Warnungen zu entkräften.